Der sanfte Weg

Autor: Michael Parfit  —  Bilder: Sarah Leen

Freiheit! Noch umgibt mich Chaos - Kabelisolierungen, Kupferstückchen, Anschlussbuchsen, Zangen. Soeben habe ich ein Dutzend Solarzellen auf meinem Dach installiert. Sie funktionieren! Ein Gerät zeigt an, dass jede Sekunde 1285 Watt Sonnenenergie meine Anlage speisen. Ihre Kraft lädt meine Akkus auf, betreibt den Kühlschrank, lässt meinen Computer starten. Ich bin unabhängig! Diese Art Freiheit macht euphorisch. Süchtig. Man sollte mich nicht missverstehen: Ohne fossile Kraftstoffe möchte ich nicht sein. Ich wohne aber auf einer Insel, auf der es nun einmal keine öffentliche Strom-, Gas- und Wasserversorgung gibt.

Davon abgesehen führen meine Frau und ich ein ganz normales Leben. Wir wollen keine Propangaskühlschränke, Kerosinleuchten oder Komposttoiletten. Wir wollen den Strom aus möglichst vielen Steckdosen, und natürlich haben wir eine Espressomaschine. Trotzdem: Es ist ein berauschendes Gefühl, meine eigenen Solarzellen einzuschalten. Vielleicht liegt es daran, dass wir alle seit Jahrzehnten über die nahende Energiekatastrophe reden. Der Ölschock der siebziger Jahre, die aktuell steigenden Öl- und Benzinpreise, die Sorge, woher wir unsere Energie beziehen werden - das sind Themen von Politikerreden, Wahlkämpfen und Katastrophenromanen.

City der Zukunft

Bild: Carles Floyd, NGM Art (Illustrationen unten), Stephan Martiniere (Illustration oben) Vergrößern

Wie lange wird das Öl  noch reichen? Wenn wir sparsam damit haushalten, könnte es nach Expertenmeinung noch 30 Jahre dauern, ehe die Bohrlöcher nach und nach unwiderruflich versiegen werden. Aber schon heute ist der Nachschub für die Industrienationen unsicher. Die Regionen, in denen das meiste Öl gefördert wird - vom Persischen Golf über Nigeria bis nach Venezuela - sind politisch nicht stabiler geworden. Die Versorgung mit Erdgas  ist Engpässen ausgesetzt. Die Kohle wird uns weltweit wohl nicht so bald ausgehen, ebensowenig die noch kaum angezapften Teersand- und Ölschiefervorräte. Doch deren Nutzung setzt Kohlendioxid frei, das die Erdatmosphäre weiter aufheizt und das Weltklima verändert. Kohlekraftwerke ohne Kohlendioxidausstoß sind bislang nicht mehr als eine weit entfernte technische Utopie.

Sich über all das keine Sorgen mehr machen zu müssen ist verlockend. Dank meiner neuen Solarzellen steht einem unbegrenzten Energieverbrauch in meinem Haus nichts mehr im Weg - keine ausländische Regierung, kein Stromkonzern, keine Schuldgefühle wegen luftverpestender, klimaerwärmender  Abgase. Ich bin frei! Fast jedenfalls. Denn da kommt eine Wolke. Ein Schatten legt sich auf die Solarzellen und auf mein Gemüt. Das Messgerät zeigt statt 1285 nur noch 120 Watt an. Ich werde doch den Generator anwerfen und etwas Benzin verbrennen müssen. Zwar lässt sich durch sparsamen Umgang mit Öl und Benzin der Tag hinauszögern, an dem die Bohrlöcher erschöpft sind, aber grundsätzlich gibt es keinen Zweifel: Es ist Zeit, die Suche nach dem nächsten Brennstoff zu beschleunigen, der unsere Welt in Gang halten kann. Gibt es einen solchen Brennstoff? Die knappe Antwort lautet: nein. Experten wiederholen es wie ein Mantra: Die eine Wunderwaffe gegen alle unsere Energieprobleme gibt es nicht.

Die ausführlichere Antwort fällt weniger düster aus. Es gibt zahlreiche Quellen, aus denen wir künftig unsere Energie schöpfen könnten. Wind und Wasser und vor allem die Sonne wären zu nennen - und in einigen Szenarien gehört auch die Atomenergie dazu, weil sie unerschöpflich und abgasfrei ist. In diesem Sinne zählen manche sie als alternative Energie, im Unterschied zu den sanften, erneuerbaren Energiequellen. Klar ist jedenfalls: Wenn man derzeit das Öl als den König der Welt ansieht, wird an seine Stelle künftig eine Gruppe von Herrschern treten müssen.

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