Deutsche an die Front

Artikel vom 01.04.2005  —  Autor: Fenja Mens

Schwere schwarze Lettern prangen auf einem Plakat, ihre Botschaft ist so kurz wie eindeutig: "Vorwärts, Marsch!!" Ein Adler reckt abflugbereit die Flügel. Darunter die Angaben zum Sold: vier Dollar Handgeld, 75 Dollar Prämie, 13 Dollar Monatslöhnung, Kleidung und Verpflegung sofort - so warb ein New Yorker Infanterieregiment im Jahr 1862 um deutsche Freiwillige. Poster und Handzettel mit ähnlichem Tenor kursierten damals überall in den Vereinigten Staaten und lockten die Immigranten zu Zehntausenden in die Rekrutierungsbüros. Zahllose Regimenter, oft von geschäftstüchtigen Privatiers und ehrgeizigen Offizieren aufgestellt, konkurrierten um Meldungen der Männer, die nicht eingezogen werden konnten, weil sie keine amerikanische Staatsbürgerschaft besaßen. Letztlich stellten Ausländer ein Viertel aller Soldaten. Um 1860 waren die Deutschen mit rund 1,3 Millionen Menschen die größte Einwanderergruppe. Und die wehrwilligste dazu: Mehr als 220 000 Männer kämpften in der Unionsarmee für den Norden, einige tausend dienten dem konföderierten Süden, wo nur rund 70 000 Deutsche lebten. Insgesamt fielen etwa 15 000. Nicht wenige, die ohne Zwang in den Krieg zogen, waren vor dem preußischen Militärdienst nach Amerika geflohen. Ihre Motive für den Sinneswandel verraten sie in den Briefen, die der Historiker Wolfgang Helbich zusammengetragen hat. Seine Sammlung umfasst mehr als 10 000 Schriftstücke, die deutsche Auswanderer zwischen 1820 und 1914 in die Heimat schickten. Ein Team von Historikern der Ruhr-Universität Bochum wertete sie aus und recherchierte auch die biografischen Daten der Verfasser. Die so aufbereiteten persönlichen Zeilen sind wichtige sozialgeschichtliche Zeugnisse: Sie geben Einblick in das Leben und die Ansichten der Auswanderer.

Wirtschaftliche Not war ein Motiv für den Kriegsdienst, denn für viele hatte sich die Hoffnung, im gelobten Amerika rasch zu Wohlstand zu gelangen, nicht erfüllt. "Ich listete nicht bälder ein als ich mir keinen anderen Ausweg mehr wußte", schrieb der Schütze Gustav Keppler seinen Eltern in den Schwarzwald. Der gelernte Konditor war hoch verschuldet. Als er seinen Job verlor, meldete er sich bei einem New Yorker Kavallerieregiment. Doch auch die 16 Dollar Sold, die Keppler nun monatlich erhielt, waren kein Vermögen: Er müsse alles "furchtbaar theuer bezahlen" klagte der 21-Jährige, "bis du das nöthigste hast ist [...] dein Geld fort". Andere eilten aus Abenteuerlust oder Machismo zu den Waffen oder ließen sich von der allgemeinen Kriegsstimmung mitreißen. "Beim Auszug waren wohl alle Einwohner am Bahnhof. Aus allen Fenstern wehten Fahnen, und bei vielen nassen Abschieds-Augen schmetterten die Hurrahs durch die Luft, dass die Erde zitterte", schilderte der Feldwebel Albert Krause die Euphorie der Menschen in Buffalo. "So geh’ ich auch mit Mut und Lust ins Feuer. Die Staaten haben mich aufgenommen, und ich sollte sie, da sie in Not sind, nicht mit Fleisch und Blut verteidigen?" Wohl nur eine Minderheit zog aus politischer Überzeugung in die Schlacht. Dazu gehörten vor allem die Anhänger der deutschen Revolution von 1848: Sie verstanden den Widerstand gegen die Sklaverei als Fortsetzung ihres gescheiterten Kampfs für Demokratie, Bürgerrechte und deutsche Reichseinheit.


(NG, Heft 4 / 2005)
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