Die letzte Schlacht

Artikel vom 01.04.2005  —  Autor: Adam Goodheart  —  Bilder: Michael Melford

An einem Samstagmorgen im August sitze ich auf der hinteren Veranda der Carnton-Plantage. Um mich herum plant eine Gruppe Bewohner eifrig die Zukunft. Bürgermeister Tom Miller betont das wirtschaftliche Potenzial, das darin liege, eine landesweit bekannte Touristenattraktion zu schaffen. Der Schwarze Thomas Murdic sieht in dem Projekt eine Gelegenheit zur Versöhnung - wenn denn die Geschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs in der Region vollständig erzählt und dabei auch der Kampf der befreiten Sklaven nicht ausgespart werde. Warum bewegt der Bürgerkrieg 140 Jahre nach seinem Ende noch immer die Gemüter? Warum gibt er Anlass zu so vielen Auseinandersetzungen? Warum spuken auf den Schauplätzen längst vergangener Schlachten immer noch so viele ruhelose Gespenster herum?

Wo das Lager der Truppen aus den Nordstaaten war, ist heute eine Wohnsiedlung

Bild: Andrew J. Russel, Historische Gesellschaft Chicago (links) Vergrößern

Ein Grund mag in der Natur des Kriegs liegen - er war ein Kampf um Sklaverei und Freiheit, dessen Nachhall weiterhin in der amerikanischen Geschichte wahrnehmbar ist und dessen Auswirkungen auf schwarze Amerikaner von der Wissenschaft erst seit jüngster Zeit ernsthaft untersucht werden. Eine weitere Antwort finde ich bei meiner Ankunft in Appomattox Court House in Virginia. Das Dorf liegt in einem grünen Tal zwei Autostunden westlich von Richmond. Die abgerissenen Südstaatentruppen benötigten für die Strecke sechs mühselige Tage. Appomattox Court House ging in die Geschichte ein, weil hier der Oberbefehlshaber der Konföderierten, General Robert E. Lee, am 9. April 1865 die Waffen streckte. Seine Kapitulation war das Ende eines Kriegs, der den Amerikanern mehr Verluste brachte als jeder andere zuvor oder danach: 620 000 Männer starben, davon fielen 200 000 in Gefechten, die übrigen erlagen Verletzungen und Krankheiten.

Nachspielen einer Schlacht (rechts), mittels einer Ferrotypiekamera verwandeln sich N. Duval und J. Hornbaker in wahre Yankees (links)

Bild: Robert Szabo (links) Vergrößern

Eine Stätte des Friedens ist Appomattox Court House noch immer, denn durch einen Zufall blieb das Dorf erhalten: Die Eisenbahn umging es in einer Entfernung von etwa fünf Kilometern, und so geriet dieser einst betriebsame Ort vollkommen in Vergessenheit. Heute ist die Ortschaft ein Nationalpark, dessen alte Gebäude von hohem Gras und knorrigen Zedernhainen umgeben sind. Selbst an Sommernachmittagen verirren sich nur wenige Besucher hierher. Bei meinem Streifzug durch das Dorf wird das Sirren der Zikaden nur von einem vorbeijaulendem Holzlaster auf der Schnellstraße 24 unterbrochen. In einem nachempfundenen Gemischtwarenladen aus den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts sind Melasse in Fässern, Kattunballen und ein Gestell mit Peitschen für Einspänner ausgestellt. Hier wird deutlich, wie weit dieser Ort noch immer von dem Amerika der Einzelhandelsketten und Läden mit Sonderangeboten entfernt ist. Noch - denn auch bis hierher dehnen sich die Vorstädte langsam aus.

Mir wird jetzt klar, dass die Schlachtfelder des Bürgerkrieges nicht nur wegen dieser Geschichte kostbar sind, sondern auch, weil sie dem Betrachter den Blick für ein vergehendes Amerika erlauben - auf eine agrarisch geprägte Gesellschaft, in der sich die amerikanische Identität ausgebildet hat. Endlich erkennen mehr und mehr Gemeinden den Wert dieses Erbes. Etwa einen Monat nach dem Ende meiner Reise zu den Schlachtfeldern erfahre ich, dass die Verwaltung Kreises Spotsylvania einem Abkommen mit dem Civil War Preservation Trust zugestimmt hat, durch das ein Teil des Geländes der Farm in Chancellorsville gerettet werden kann. Kurz danach höre ich, dass die Stadt Franklin zweieinhalb Millionen Dollar zum Rückbau des Clubgeländes bewilligt hat.

In beiden Fällen errangen die Bewahrer der Geschichte ihre Siege mit geschickten Gefechtstaktiken. Der Rückzug General Lees in den Schutz der Berge endete in Appomattox Court House. Am Abend vor seiner Kapitulation hörte er Kanonendonner und wusste, dass ihm die Unionstruppen den Weg abgeschnitten hatten. Auf einem Hang oberhalb des Dorfs ist heute noch die Straße zu sehen, der Lee folgen wollte: die alte Postkutschenroute nach Westen. Auf einer Strecke von einigen hundert Metern hat die Parkverwaltung sie rekonstruieren lassen. Der rote Lehmstreifen klafft wie eine offene Wunde in der Wiese, dann verschwindet er unter der Erde. Jenseits der Stelle, an der Lee umkehrte, ist nur eine leichte Vertiefung im Boden zu erkennen. Büschel von Goldrute und Wilder Möhre wachsen dort. Was hier vom Bürgerkrieg bleibt, ist nicht mehr als eine leise Erinnerung.


(NG, Heft 4 / 2005)
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