Die Letzten ihrer Art

Artikel vom 01.04.2005  —  Autor: Mike Morwood, Richard Roberts, Thomas Sutikna  —  Bilder: Illustrationen: Lars Grant-West, Kenneth Garrett

Ein Kind, dachten wir anfangs, ein Kind von vielleicht drei Jahren. Aber dann sahen wir uns die kleinen Knochen genauer an, die wir gerade in einer Höhle auf der indonesischen Insel Flores freigelegt hatten: Sie gehören zu einem Erwachsenen. Und der war nur ungefähr einen Meter groß! Haben wir die Überreste eines modernen Menschen gefunden, der durch Krankheit oder Mangelernährung klein geblieben war? Gewiss nicht. Die Knochen sehen urtümlich aus, und weitere Fossilien aus Liang Bua - der "kühlen Höhle" in der Sprache der hier lebenden Manggarai - bestätigen, dass dieses Skelett nicht etwa einzigartig ist, sondern typisch für die kleinen Lebewesen, die einst hier zu Hause waren. Wir haben eine neue Menschenart entdeckt.

Auf der kleinen Insel Floris jagt einer der kleinen Menschen einen Waran

Bild: Lars Grant-West Vergrößern

Zu Hause im Labor analysierten wir die Knochen genauer. Diese winzigen Menschen - als Tolkien-Fans tauften wir sie "Hobbits" - lebten noch vor 18 000 Jahren, zu einer Zeit, als der moderne Mensch, Homo sapiens, schon zur Eroberung des Globus angesetzt hatte. Und doch sehen sie wie eine Miniversion des Homo erectus aus - von Menschenahnen also, die 100-mal älter sind und vom anderen Ende Asiens stammen. Wir sind auf die fossilen Reste einer kleinwüchsigen Menschenlinie gestoßen, die sich weitab von den Hauptströmungen der Evolution über lange Zeit erhalten hat.

Flores ist eine 360 Kilometer lange Insel zwischen dem asiatischen Festland und Australien. Sie war nie über Landbrücken mit einem der beiden Kontinente verbunden. Selbst in Zeiten mit niedrigem Meeresspiegel war Flores von Asien aus nur durch eine Reise von 24 Kilometern übers Meer zu erreichen. Ehe Homo sapiens vor rund 4000 Jahren Affen, Schweine, Hunde und andere Tiere mit auf die Insel brachte, gab es dort als einzige Säugetiere Stegodonten - ausgestorbene Vorfahren der Elefanten, die gut schwimmen konnten - und Nagetiere, die mit Treibgut gelandet waren. Menschen können erst hierher gekommen sein, nachdem sie gelernt hatten, Boote zu bauen, glaubten die meisten Fachleute. Zwar war schon in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts Theodor Verhoeven, ein Geistlicher und Freizeitarchäologe, hier auf Spuren früherer Menschen gestoßen. In der Soa-Tiefebene auf Flores fand er Steinwerkzeuge, die er auf rund 750 000 Jahre schätzte.

Satellitenbild der Inseln Flores, Sumbawa, Lombock, Bali und Java (links)

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Worldsat Internationl Inc. Vergrößern

Man wusste, dass der Homo erectus vor mindestens 1,5 Millionen Jahren auf Java, nicht weit von Flores, gelebt hatte. Verhoeven schloss, dass er irgendwie also auch auf dem Seeweg schon nach Flores gelangt sei. Aber Verhoeven konnte als Amateur die Gemeinde der professionellen Archäologen anfangs nicht überzeugen. Dann bestimmten andere Wissenschaftler in den neunziger Jahren mit modernen Methoden das Alter von Werkzeugen aus der Soa-Tiefebene auf 840 000 Jahre. Verhoeven hatte Recht: Unsere Vorfahren waren schon lange vor den Jetztmenschen nach Flores gekommen. Doch Überreste von den frühen Inselbewohnern selber hatte man nie gefunden.

Im September 2003 versuchten wir unser Glück. Wir konzentrierten uns auf die Höhle Liang Bua im Westen der Insel. Unsere Gruppe aus indonesischen und australischen Wissenschaftlern sowie 35 Helfern vom Volk der Manggarai hatte den Höhlenboden schon sechs Meter tief aufgegraben. Die jüngeren Schichten waren reich an Steinwerkzeugen und Tierknochen - das schien auch alles zu sein. Doch wenige Tage vor dem Ende unserer Arbeitsperiode war uns das Schicksal hold.


(NG, Heft 4 / 2005)
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