Wie eine Fata Morgana taucht am Horizont eine Gruppe von Booten auf. Als wir näher kommen, eilen sie in alle Richtungen davon. Ich rufe den Insassen eines dieser kabang einige beruhigende Worte zu. Daraufhin wird ihr selber gebautes Gefährt langsamer, und bald schaukelt es still in der Dünung. Ich darf an Bord klettern - ein seltenes Privileg - und bin mitten in der fremden Welt der Moken. Wissenschaftler nehmen an, dass dieses austronesische Seenomadenvolk aus dem südlichen China stammt, wo es vor rund 4000 Jahren aufbrach und sich auf den Weg durch Asien machte. In Malaysia trennten sich die Moken im späten 17. Jahrhundert von den anderen Migranten.
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Heute ist der Mergui-Archipel ihre Heimat - eine Gruppe von etwa 800 Inseln, die sich in der Andamanensee mehr als 400 Kilometer vor der Küste von Myanmar, dem früheren Birma, erstrecken. Mit einer Sondergenehmigung der Regierung folge ich den Moken seit einigen Jahren, um ihre Geschichten zu hören und mehr über ihre Kultur zu erfahren. Der Mann, der mich an Bord seines Boots lässt, heißt Gatcha. Er ist ein Ältester. Schweigend hört er sich meine Bitte an, ihn und seine Familie eine Weile begleiten zu dürfen. Ich erkläre ihm, dass schon mein Vater Pierre, ein Anthropologe, in den fünfziger Jahren über die Moken geforscht hat und ich diese Kontakte 1982 wieder aufgenommen habe. Seitdem habe ich bei diesem Volk gelebt, Freundschaft mit seinem größten Schamanen geschlossen und viele Stunden lang dessen Geschichten aufgezeichnet, die ich jetzt weitergeben möchte. Als mein Gastgeber mir einen Teller mit Betelnüssen anbietet, weiß ich, dass er mich akzeptiert hat.
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"Die Moken werden auf Booten geboren, auf Booten leben und sterben sie. Die Nabelschnüre ihrer Kinder reichen tief hinab ins Meer", heißt es in einem der Epen dieses Volks. Rund acht Monate des Jahres leben die Moken an Bord ihrer flachen kabang, nur während der Zeit des Monsuns schlagen sie ihre Lager an Land auf. Sie besitzen nicht viel; das Meer gibt ihnen, was sie zum täglichen Leben benötigen: Fische, Mollusken und Sandwürmer zum eigenen Verzehr, Muscheln, Seeschnecken und Austern zum Tausch mit Händlern aus Malaysia und China. Vom Boot aus erscheinen die Wellen riesig, aber Puket, einer von Gatchas Söhnen, sitzt entspannt im Heck und raucht ein Pfeifchen. Er, sein Bruder Jale und ihre Schwester Iphim, eine kinderlose Witwe, begleiten den Vater die meiste Zeit.
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Die Moken reisen in der Regel in Gruppen von sieben oder mehr kabang, die alle einer Großfamilie gehören. Zu anderen Menschen haben sie nur selten Kontakt, und wenn, dann über den Handel. Im Laufe der Geschichte haben die Moken viel Leid erfahren - Briten, Japaner, Thailänder und Myanmaren gleichermaßen haben sie ausgenutzt und verfolgt: Ihre Boote werden gestoppt und die Insassen aufgefordert, Steuern zu zahlen - ein Versuch, sie sesshaft zu machen. Die Moken werden von illegalen Fischern aus reichen Fanggründen vertrieben. Sie müssen zwangsweise in Minen und in der Landwirtschaft arbeiten, werden aus wichtigen Handelsgebieten verbannt, wegen irgendwelcher fehlender Genehmigungen ins Gefängnis geworfen und von Händlern mit Opium angefixt.
Erst vor kurzem hat die Regierung von Myanmar versucht, die Moken permanent in einem Nationalpark anzusiedeln: als Touristenattraktion. So ist es bereits in Thailand geschehen. Die Moken leisten Widerstand, aber die Drohung, sie zur Sesshaftigkeit zu zwingen, ist nicht aus der Welt. Nicht nur ihre traditionelle Lebensweise ist in Gefahr, sondern der Fortbestand ihres ganzen kleinen Volks.