Die Welt des Gifts

Artikel vom 01.05.2005  —  Autor: Cathy Newman  —  Bilder: Cary Wolinsky
Geheimste Geheimnisse (Secreto Secretissima) in einem Buch aus Venedig

Bild: 15.08.1634 (oben) und streng geheime Aufzeichnungen des Rats der Zehn, 27.04.1527 (unten), Staatsarchive Venedig: Todesregister Vergrößern

Das Unheil kommt manchmal schleichend. Am 14.August 1996 tropfte Karen Wetterhahn, eine Toxikologin am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire, eine winzige Menge Dimethylquecksilber auf ihre linke Hand. Als Expertin für alle Arten von Gift wusste Wetterhahn natürlich, dass solche Schwermetallverbindungen Krebs verursachen, wenn sie in die Körperzellen eindringen. Aber sie trug ja Schutzhandschuhe. Was sie nicht wusste: Dimethylquecksilber dringt auch durch Latex. Fünf Monate später begann sie undeutlich zu sprechen und lief gegen Türrahmen.

Sie wurde in eine Klinik eingewiesen. Drei Wochen später fiel sie ins Koma, und nach fünf Monaten starb sie, im Alter von nur 48 Jahren. Sie hinterließ einen Mann und zwei Kinder. Das Quecksilber hatte ihr Gehirn zerfressen, "als hätten monatelang Termiten daran genagt", wie einer ihrer Ärzte sagte. Wie konnte diese sorgfältige Toxikologin von Weltklasse so ein Ende finden? "Nur Löwenbändiger werden von Löwen getötet", sagt Kent Sugdan, einer ihrer Kollegen. Gift ist ein heimlicher Killer. Es wirkt in winzigen Mengen und ist oft nicht nachweisbar. Heimtücke ist im Spiel, wenn jemand Arsen in den Wein gibt, oder eine tödliche Versuchung wie Schneewittchens vergifteter Apfel.

Zyklon B

Bild: Polen (Dose oben), Staatliches Museum in Majdanek Vergrößern

Mal geht es um den Todesmut des Schlangenbeschwörers, dann um das japanische Roulette beim Essen von Fugufisch. Was wären Theater und Film ohne Gift? "Spiderman" wird zum Superhelden, weil er von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde; Laertes tötet Hamlet mit einem vergifteten Degen; im Hitchcock-Thriller "Berüchtigt" mischt eine böse Mutter Ingrid Bergmann Gift in die Drinks. Man könnte sagen, dass ein Toxikologe Substanzen erforscht, die töten. Aber er befasst sich auch mit dem Leben. Denn was töten kann, vermag auch zu heilen. Wie schon der Arzt und Alchemist Paracelsus im 16. Jahrhundert sagte: "Alle Ding sind Gifft und nichts ohn Gifft. Allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gifft ist." Toxikologie und Pharmazie sind untrennbar miteinander verbunden, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Man denke an Arsen: das Gift der Könige, der König der Gifte. Kleine Mengen, über einen längeren Zeitraum hinweg verabreicht, verursachen Mattigkeit, Verwirrtheit und Lähmung. Die Folgen einer einmaligen Dosis von weniger als einem Gramm sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Blutdruckabfall und Tod.

In niedrigen Konzentrationen wurde Arsen zur Behandlung von Asthma und Syphilis eingesetzt und dient bis heute der Chemotherapie von Leukämie. In höherer Konzentration führt es zum Tod. Wir sind von Giften umgeben. Buchstäblich alles kann schädliche Folgen haben - sofern die Dosis hoch genug ist. Ein Zuviel an Vitamin A kann zu Leberschäden führen. Zu viel Vitamin D kann die Nieren schädigen. Sogar ein Übermaß an Wasser kann schaden – weil es die Salzkonzentration im Blut so weit verdünnt, dass Gehirn und Muskeln, auch das Herz, nicht mehr richtig funktionieren.

Als ob die Alltagsgifte nicht genügend Anlass zur Sorge böten, hält die Natur noch exotischere Gefahren bereit. Man kennt rund 1200 Arten giftiger Meerestiere wie Quallen und Schnecken, zudem 700 giftige Fischarten, 400 verschiedene Giftschlangen, 60 Zecken-, 75 Skorpion- und 200 Spinnenarten. Außerdem 750 Gifte in mehr als 1000 Pflanzenarten. Und es gibt Vögel, deren Federn giftig wirken, wenn man sie berührt oder verschluckt. Doch wenn die Welt so tückisch ist, warum sterben dann nicht mehr Menschen an Vergiftungen?


(NG, Heft 5 / 2005)
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