Die Weltreligionen (I): Ursprünge

Artikel vom 01.01.2005  —  Autor: Susan Tyler Hitchcock und John L. Esposito
Im US Bundesstaat Ohio windet sich der

Bild: Richard A. Cooke Vergrößern

Das menschliche Bewusstsein wirft Fragen auf, die durch Fakten, Vernunft und Beobachtung nicht zu beantworten sind. Wer bin ich? Warum bin ich auf der Welt? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die früheren Kulturen hatten ihre Mythen: Erzählungen, die den Ursprung, die Bestimmung und Beziehungen der Menschen, der Natur und des Göttlichen darstellten, Geschichten, in denen die Bedeutung der Götter für die Natur definiert wurde. Diese Mythen bildeten ein Fundament, aus dem die Antworten auf diese Fragen hervorgingen. Lange vor der Entstehung der Schrift überlieferten sie die Erfahrungen, Offenbarungen und Verheißungen der Vorfahren.

Viele Mythen handeln von der Schöpfung der Welt. Steinreliefs aus der Zeit vor 2000 v. Chr., die in Susa, nahe der heutigen iranischen Stadt Desful, gefunden wurden, stellen zwei der obersten Götter von Sumer dar, der ersten Hochkultur, die als Wiege der Kulturen und Religionen Mesopotamiens gilt. Der sumerische Himmelsgott An steigt aus dem Meer. Von seinen Schultern gehen Lichtstrahlen aus. Sein Fuß ruht auf der Schulter eines knienden Menschen, während er die Stufen zum Weltberg emporsteigt.

Kwakiutl-Indianer beschwören ein imaginären Ungeheuter

Bild: Edward S. Curtis Vergrößern

Der Meeresgott Enki bleibt in der Tiefe zurück. Sumerische Keilschriften erzählen den Schöpfungsmythos der Göttin Nammu. Sie war Mutter von amu tu an-ki, "Himmel und Erde", einem Zwitterwesen aus an und ki, dem männlichen und dem weiblichen Element. Aus deren Verbindung entstand Enlil, der Gott der Lüfte, der durch sein Blasen die Trennung in Himmel und Erde bewirkte. In der Hoffnung auf den Segen Enlils bestellten die Sumerer ihre Felder. Den Lebenslauf sahen sie als eine Reihe von Stufen, die aus dem Meer auf die Erde und in den Himmel führten. Analog dazu stiegen ihre Könige die Stufen der Zikkurats empor, jener bergförmigen Tempel, deren Ruinen noch heute in Ur im heutigen Irak zu sehen sind.

In der Kimberley-Region im Norden Westaustraliens erzählten die Unumbal den Mythos, wie das Wasser in ihr zerklüftetes Bergland kam. Ihr Kosmos entstand aus dem Himmelsgott Wallanganda und dem schlangengestaltigen Erdgott Ungud.

Moai (Wächter) aus Vulkanstein auf den Osterinseln im Südpazifik

Bild: James P. Blair Vergrößern

Wallanganda besprengte die Erde mit Wasser, Ungud ließ es einsickern. Sie legten sich schlafen, und aus ihren Träumen entstanden die Geschöpfe der Erde. In den nassen Tiefen entdeckte Ungud die wondjina: Geister mit weiten, hohlen Augen und ohne Münder. Als sie aus dem Wasser kamen, verbreiteten sie sich über das Land, formten die Berge und Ebenen und erfrischten sie mit Regengüssen. Dann ließen sie sich auf Felsen nieder, um über Quellen, Flüsse und Seen zu wachen.

Ganz anders stellten sich die Haida auf den Queen Charlotte Islands in der kanadischen Provinz British Columbia die Entstehung der Welt vor. In ihrer "Geschichte des Großen Raben" heißt es, dass am Anfang das Wasser war: "Es ist noch nicht lange her, da gab es kein Land. Dann schwamm auf dem Ozean ein winziges Etwas, sonst gab es nur offenes Meer. Der große Rabe setzte sich auf Etwas. 'Werde zu Staub', sagte er, und so entstand die Erde."


(NG, Heft 1 / 2005)
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