Die Weltreligionen (II): Hinduismus

Artikel vom 01.02.2005  —  Autor: Susan Tyler Hitchcock und John L. Esposito
Sikh-Pilger im Goldenen Tempel von Amritsar

Bild: Sacredsites.com/M. Gray Vergrößern

Der große Strom des indischen Subkontinents, der Indus, fließt über 2900 Kilometer von den Bergen Kaschmirs bis ins Arabische Meer. Schon früh zog es Nomaden in sein Tal, dessen fruchtbare Böden ständige Siedlungen begünstigten. So entstand hier vor 4500 Jahren - wie ungefähr zur gleichen Zeit im Tiefland von Euphrat und Tigris - eine der ersten Zivilisationen der Welt. Diese Flusslandschaft ist eine Wiege der Menschheit. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts stießen Archäologen am Indus auf Gebäude und Artefakte einer hoch entwickelten Kultur. Seither sind mehr als 300 solcher Stätten gefunden worden. Die wichtigsten sind Mohenjo-Daro und Harappa; beide waren wohl ähnlich hoch entwickelt wie die Staaten der Sumerer und Ägypter.

Die Wissenschaftler datieren die Ruinen in Mohenjo-Daro auf das 3. Jahrtausend v. Chr. Es gab dort gepflasterte Straßen, die in einem strukturierten Raster um einen zentralen Hügel angeordnet waren. Der Komplex aus gebrannten Ziegelsteinen - Kornspeicher, Versammlungshallen und ein großes erhöhtes Wasserbecken, das vermutlich rituellen Zwecken diente - war über der Hochwassergrenze des Indus errichtet. In der Blütezeit dieser Kultur lebten dort vermutlich 35 000 bis 40 000 Menschen. Brunnen und eine Kanalisation weisen darauf hin, dass die gesamte Stadt mit Wasser versorgt war.

Ajgaivinath Shiva-Tempel auf einer Landzunge im Ganges

Bild: Raghubir Singh/Estate of Raghubir Singh Vergrößern

In Harappa, rund 480 Kilometer weiter nördlich, fanden Archäologen bei Ausgrabungen eine ähnlich reiche Kultur, die sich über zwei Jahrtausende hinweg entwickelt hatte. Doch Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich ein tiefgreifender Wandel in den Städten der Harappa-Zivilisation. Möglicherweise wurde die Bevölkerung von Invasoren dezimiert oder nach Osten vertrieben. Oder verwüsteten Erdbeben das Land? Denkbar ist auch, dass Klimaveränderungen zu Dürreperioden führten, den Lauf der Flüsse verschoben, die Bewässerungssysteme störten und eine Auswanderung aus dem Industal erzwangen.

Was auch immer geschah: Um 1500 v. Chr. hatten sich neue Einwanderer aus Zentralasien in der Region niedergelassen. Sie nannten sich arya, Arier. In ihrer Sprache, dem Vorläufer des Sanskrit, bedeutete das edel oder rein. Ihre Kultur vermischte sich mit den Überresten der Harappa-Zivilisation und breitete sich nach Osten aus: in das Tal des Ganges, des heiligsten Flusses in Indien. Vieles von dem, was wir über dieses Volk wissen, stammt aus den "Veden", einem alten Kanon von Hymnen und Rezitationen. Sie gelten als weltweit erster Korpus heiliger Schriften.

Für geistige Reinigung baden Hindus in Varanasi im Ganges

Bild: Roman Soumar/Corbis Vergrößern

Im 1. Jahrtausend v. Chr. blühte die vedische Kultur in Zentral- und Nordindien. Sie bildet den Unterbau aller Glaubenslehren und religiösen Praktiken der Hindu. Die Hindu glauben, dass die "Veden", ihre uralten heiligen Bücher, schon immer existiert haben - sie offenbaren ewige Wahrheiten. Für Wissenschaftler sind sie eine Sammlung von Texten, die von 1500 v. Chr. an zusammengetragen, mündlich überliefert und erst fast 2000 Jahre später niedergeschrieben wurden. Es gibt vier "Veden". Der älteste, "Rigveda" genannt, und der "Samaveda" umfassen Lobeshymnen (Verse und Lieder) an die Götter. Der "Yajurveda" enthält Opfersprüche, der später zusammengestellte "Atharvaveda" Gebete und magische Formeln für Gesundheit und Wohlergehen.

Die "Veden" erklären das Universum als Folge eines großen kosmischen Opfers. Als Purusha, der mythische, ursprüngliche, ewige Mensch, den Göttern geopfert wurde, entstand die Welt der Dinge. Verschiedene Teile des geopferten Körpers wurden zu Teilen der sichtbaren Welt. Der Mond entstand aus Purushas Geist, die Sonne aus seinem Auge, das Firmament aus seinem Kopf und die Erde aus seinen Füßen.


(NG, Heft 2 / 2005)
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