Die Weltreligionen (IV): Judentum

Artikel vom 01.04.2005  —  Autor: Susan Tyler Hitchcock und John L. Esposito
Jüdin aus dem Jemen in traditionellem Hochzeitsschmuck (links), Gemälde von Marc Chagall, Teller für das Paschafest (rechts unten)

Bild: 2005 Artist Rights Society (ARS) New York/ADAGP (rechts oben), James L. Stanfield (links), Ted Spiegel (rechts unten) Vergrößern

Und so sprach Gott: "Geh aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen will." Das ließ Abraham sich nicht zweimal sagen. Aus dem Dorf Haran in Südostanatolien wanderte er nach Kanaan - in einen Landstrich zwischen Mittelmeer und Jordan, der als einzige Region zwischen Ägypten und dem Zweistromland seinen eigenen Reichtum hervorbrachte: Weizen und Gerste, Datteln und Pistazien, dazu einen Farbstoff für königliche Gewänder, der aus der Purpurschnecke gewonnen wurde. In der kanaanitischen Stadt Sichem, dem heutigen Nablus, sprach Gott aufs Neue zu Abraham und bestätigte ihm, dass er im Gelobten Land sei. Er versprach ihm, seine Nachkommen würden so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.

Die Magd Hagar gebar Ismael, und Abrahams Frau Sarai, die das gebärfähige Alter schon überschritten hatte, bekam wunderbarerweise Isaak. Seine spätere Frau Ketura schenkte ihm sechs weitere Kinder. Später führte Abraham seinen Sohn Isaak auf Gottes Geheiß auf einen Berg im "Lande Morija". Dort schickte sich der Vater gehorsam an, seinen Sohn auf einem Opferaltar zu verbrennen. Ein Engel hinderte ihn an der Ausführung - aber Abrahams Bereitschaft war Gott allemal Beweis genug für dessen Ergebenheit. In alter Zeit wurden Erinnerungen und Traditionen mündlich weitergegeben, dann von Chronisten gesammelt, aufgeschrieben und Jahrhunderte später zu einem einzigen Text verbunden.

Gedenktafel zu Erinnerung an die ermodeten Juden in der Prager Pinkas-Synagoge

Bild: James P. Blair Vergrößern

Abraham, so die Essenz der Überlieferungen, war ein Mensch, der nur an einen einzigen Gott glaubte - an einen Gott, der nicht an Naturkräfte gebunden, sondern von überirdischer Macht war. Der Monotheist gilt als Stammvater von Christentum, Islam - und Judentum. Gott gestaltete weiter. Isaaks Sohn Jakob gab er nach einer von mehreren Begegnungen den Namen Israel. Dieser hatte ein Dutzend Söhne, die zu den Vätern der zwölf Stämme des Reichs Israels wurden. Nach einem Leben voller Konflikte und Wanderungen floh Jakob mit seiner Familie vor einer Hungersnot nach Ägypten. Dort trat Mose auf: der nächste große jüdische Stammvater. Mose lebte wahrscheinlich zur Zeit Ramses II., der von 1279 bis 1213 v. Chr. in Theben regierte. Der Pharao ließ prächtige Tempel und Statuen für die Gottheiten und sich selber errichten und rekrutierte Tausende von Arbeitern. Die Nachkommen von Jakob und dessen Söhnen versklavte er.

Ein Dokument aus seiner Zeit erwähnt Getreidezuteilungen für die ´pr, eine Abkürzung für ´a-pi-ru. Das waren diejenigen, die Steinblöcke für eine gewaltige Toreinfahrt schleppten. Nach Ansicht einiger Sprachforscher geht das Wort "Hebräer" darauf zurück. Der Überlieferung zufolge wurde der als Sklave geborene Mose in einem Korb im Schilf der Nilsümpfe gefunden. Er wurde von der Tochter des Pharaos adoptiert und wuchs im Königshaus auf. Schon früh nahm Mose Gefahren auf sich, um seine hebräischen Bindungen - er war wohl beschnitten - unter Beweis zu stellen. Als einer der Männer des Pharaos einen hebräischen Arbeiter schlug, rettete Mose seinen Landsmann. "Er erschlug den Ägypter und verscharrte ihn im Sand", heißt es im Buch Exodus.

Jüdische Siedler feiern den Unabhängigkeitstag (links), Glasmalerei in der Kathedrale Notre-Dame

Bild: Alexandra Avakian (links), Bridgeman Art Library Vergrößern

Um der Bestrafung zu entgehen, floh Mose in das "Land Midian", in die nordwestliche Region der Arabischen Halbinsel am Golf von Akaba. Dort lebte er als Hirte, bis ihm Gott, den er Jahwe nannte, erschien. "Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen", sprach Gott. "Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt..." Mose gehorchte Gott und kehrte nach Ägypten zurück, um die Israeliten (Hebräer) in das verheißene Land zu geleiten. Wie führte Mose sein Volk aus Ägypten heraus? Wo bahnte er für Tausende einen Weg durch die Wassermassen?


(NG, Heft 4 / 2005)
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