Die Weltreligionen (VI): Islam

Artikel vom 01.06.2005  —  Autor: Susan Tyler Hitchcock und John L. Esposito
Jährliche Wallfahrt zur Kaaba im Innenhof der Grossen Moschee von Mekka

Bild: Mohamed Amin/Camerapix Vergrößern

Sie kommen zu Hunderttausenden. Mit dem Flugzeug aus Marokko und Indonesien, aus Deutschland und auch von den fernen Fidschiinseln, mit dem Auto aus dem Iran und aus Pakistan erreichen sie im Monat der Wallfahrt Mekka, die heiligste Stätte der Muslime. "Verbreite unter den Menschen meinen Aufruf zum Hadsch", gebietet die 22. Sure des Korans. "Sie werden kommen, zu Fuß oder getragen von ihren magersten Reittieren. Sie werden kommen aus der Tiefe der vier Passwege." Und so kommen sie hierher, in die Wüste Saudi-Arabiens - mindestens einmal im Leben, so, wie es der Islam von jedem Gläubigen verlangt. Fünfmal am Tag verneigen sich alle Muslime gen Mekka, in Richtung der Geburtsstadt des Propheten Mohammed und der heiligsten Stätte ihrer Religion - egal, wo auf der Welt sie leben.

Sufies drehen sich bis zur Extase im Kreis

Bild: James L. Stanfield Vergrößern

Jetzt, etwa 60 Tage nach dem Ende des Ramadan, umkreisen sie dem Ritual gemäß siebenmal die Kaaba im Innenhof der Großen Moschee. Seit Beginn der Überlieferung gilt dieser Kubus unter einer Hülle aus schwarzem Tuch als Haus Gottes. Jeder fromme Pilger sollte ihn mit eigenen Augen gesehen haben. Der Hadsch ist eine uralte Tradition. Einst verehrte jeder Stamm der nomadischen Beduinen seine eigenen Götter. Sie waren Furcht einflößend und forderten Opfer. Der Kalender teilte das Jahr in zwölf Monate, von denen vier heilig waren - darunter der Monat für den Hadsch, die große Wallfahrt.

Tausende reisten aus diesem Anlass nach Mekka, ganz gleich, welche Götter neben Allah sie anbeteten. Sie umrundeten die Kaaba, den massiven Granitschrein in der Stadtmitte, der mit feinsten Stoffen feierlich verhüllt war. Der Überlieferung nach handelt es sich bei der darin aufbewahrten Reliquie um einen weißen Hyazinth, der von den Sünden der Menschheit schwarz geworden ist. In Wahrheit wird hier wohl ein Meteorit als Himmelsgabe verehrt. Der Stamm der Quraisch beherrschte im 6. Jahrhundert die Stadt Mekka. Sein Führer war Abd al-Muttalib, ein Vater von 16 Kindern.

Betende Muslime in der Moschee des Propheten in Medina

Bild: Reza Vergrößern

Sein Lieblingssohn Abdallah und dessen Ehefrau Amina zeugten ein Kind namens Mohammed. Abdallah starb vor der Geburt seines Sohns, aber Abd al-Muttalib trug seinen Enkel an dessen erstem Lebenstag - dem zwölften Tag im ersten Frühlingsmonat des Jahres 570 - stolz zur Kaaba, die sein Stamm hütete. Als Mohammed vier war, stiegen der Überlieferung zufolge zwei weiß gewandete Engel zu ihm herab, schnitten seine Brust auf und wuschen sein Herz mit Schnee rein. Seine Mutter reagierte gelassen. Sie wusste, dass ihrem Sohn ein außergewöhnliches Leben bestimmt war. Mohammed setzte sich für die Armen und Unterdrückten ein, aber er kam auch mit der Welt der reichen Händler in Kontakt. Der junge Mann reiste mit Karawanen vermutlich bis nach Syrien . Er heiratete einige Male und wurde mehrfacher Vater.

Dann, einige Jahre später, erfasste ihn in seiner Heimatstadt Mekka eine Lebenskrise. Mohammed spürte, wie das kalte Streben nach Wohlstand immer mehr um sich griff. Mit 40 suchte er geistige Orientierung und Zuflucht in der Meditation.


(NG, Heft 6 / 2005)
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