Es ist ein ruhiger, sonniger Nachmittag in der Unterkreidezeit. In der flachen Ebene tummeln sich Dinosaurier um ein fast 35 Meter großes Wasserloch, das von vielen Tieren als Tränke genutzt wird. Ein Iguanodon, ein bis zu fünf Tonnen schwerer vegetarischer Saurier, so groß wie eine heutige Giraffe, senkt seinen Kopf, um sich an den saftigen Farnen gütlich zu tun. Am gegenüberliegenden Ufer raschelt es zwischen den Gräsern. Ein kleines bepelztes Säugetier schaut hervor, schnuppert und zieht sich dann zwischen die Pflanzen zurück. Unbemerkt nähert sich dem Iguanodon eine Gruppe von vier Deinonychus. Sie gehörten zu den gefährlichsten Jägern ihrer Zeit: Mit messerscharfen Krallen konnten sie ihrer Beute mit einem einzigen Hieb die Halsschlagader zerfetzen. Als einer der Deinonychus vorstürzt, macht der aufgeschreckte Pflanzenfresser einen Schritt zur Seite, kommt ins Rutschen, stürzt den Abhang hinunter ins Wasser - und reißt den vorschnellen Jäger mit sich.
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Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich ein steilwandiger, beinahe fünf Meter tiefer Schacht: Jäger und Opfer sind in eine Falle geraten. Immer wieder gleiten sie an den glatten Felswänden ab. Zuerst versinkt der Iguanodon, dann verlassen auch den Deinonychus die Kräfte, und er verschwindet in der Tiefe. So muss es hier vielen Sauriern ergangen sein. 130 Millionen Jahre später stehe ich zusammen mit Klaus-Peter Lanser, dem Paläontologen des Westfälischen Museums für Naturkunde in Münster, am Grund der urzeitlichen Tränke. Um uns herum, irgendwo im nördlichen Sauerland, liegen weite Felder verkarsteten Massenkalks. Diese Landschaft wurde seit 370 Millionen Jahren durch die Hebung und Senkung des Rheinischen Schiefergebirges geformt; das Meer lag damals nur unweit im Norden.
Vor vier Jahren machte Lanser an dieser Stelle - nach dem Hinweis eines einheimischen Mineraliensammlers - eine sensationelle Entdeckung. "An keinem anderen Ort in Deutschland sind jemals so viele Saurierarten auf so engem Raum gefunden worden", berichtet Lanser mit leuchtenden Augen. "Wir konnten schon acht verschiedene Spezies identifizieren!" Vor allem zwei Funde haben Lanser und sein Team begeistert: "In jedem intakten Ökosystem steht die Anzahl von Jagd- und Beutetieren in einem bestimmten Verhältnis zueinander", erläutert der Paläontologe. "Dabei übersteigt die Zahl der Beutetiere die der Jäger bei weitem. Wir haben schon jetzt Knochen von mehreren Deinonychus, die gefährliche Jäger waren, gefunden - auf wenigen Quadratmetern! Das spricht für eine ungewöhnlich hohe Tierdichte in dieser Gegend. "Für eine weitere Überraschung sorgte ein nur drei Zentimeter langes Kieferfragment. Die Gestalt der so genannten Zahnfächer verrät, dass es einem kleinen, hasenartigen Säugetier gehörte: ein in Deutschland bislang einmaliger Fund.
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"So einen Glücksfall", schwärmt Lanser, "erlebt man nur einmal in seinem Forscherleben." Wir gehen gemeinsam über die Grabungsstelle. Sie wirkt klein und unscheinbar. Mitten in diesem stillgelegten Reservefeld einer Kalkbruchfirma steht eine winzige Hütte mit Seitenwänden aus Plastiklamellen. Sie sieht aus, als würde sie weniger vom handwerklichen Geschick als von der guten Hoffnung ihrer Erbauer zusammengehalten. Die Forscher arbeiten mit einfachen Mitteln. Von den schmalen Balken, die die leichte Decke tragen, baumeln lange Fäden. Sie sind am unteren Ende beschwert, damit sie gerade hängen - so markieren die Wissenschaftler das Planquadrat jeder einzelnen Fundstelle. "Hier ist etwas!", ruft ein Student und überreicht Lanser drei Knochensplitter, die noch mit feuchter Erde verschmiert sind. Keiner ist größer als mein Daumennagel.
Als Lanser mit den winzigen Fundstücken den Grabungsort verlässt, begleite ich ihn ins etwa anderthalb Autostunden entfernte Münster. Im Präparationslabor des Museums können selbst kleinste Fragmente wieder zusammengesetzt werden. Lansers Mitarbeiterin Tanja Scheler beugt sich tief über ihr Mikroskop und untersucht unsere Mitbringsel. Bruchstellen, Farbe und Struktur der Splitter ermöglichen eine genaue Zuordnung: Sie gehören zusammen, lassen sich nahtlos aneinander fügen. "Das ist eine spannende Arbeit. Plötzlich sieht man etwas, das noch kein Mensch vor einem gesehen hat", sagt Scheler zufrieden. Ich darf eines der Stücke in die Hand nehmen. Es wirkt sonderbar zerbrechlich, sein Gewicht ist kaum zu spüren. Es ist faszinierend, sich vorzustellen, dass dieses winzige Knochenfragment vor 130 Millionen Jahren zu einem riesigen Dinosaurier gehörte.
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