Dschingis Khan

Artikel vom 01.06.2005  —  Autor: Mike Edwards  —  Bilder: James L. Stanfield

Die nordwestliche Stadtmauer des alten Samarkand hatte ein Tor, durch das einst die Karawanen zogen, um ihre Reise auf der Seidenstraße zu beginnen. Durch diesen Eingang - oder vielmehr seine Überreste - betrete ich die Stadt. Wie im Jahr 1220 Dschingis Khan, der Führer der Mongolen. Er war im Begriff, eine der größten und prächtigsten Städte Zentralasiens zu vernichten. In Samarkand lebten in jener Zeit mindestens 200 000 Menschen. Handwerker stellten Sättel, Kupferlampen und mit Silberfäden durchwirkten Stoff her. Über ein Aquädukt wurde Wasser über die trockene Steppe verteilt und ließ Gärten erblühen. Heute wächst nur Gras, und die Reste von Palästen und Werkstätten liegen unter Bodenwellen und Hügeln. Samarkand, Buchara, Urgentsch, Balch, Merw, Nischapur, Herat, Ghasni: Eine nach der anderen fielen damals die Städte Zentralasiens unter die Herrschaft der Reiterheere aus der Mongolei. Selten hatte die Welt größere Zerstörung erlebt.

Genauso wenig hatte es bis dahin ein Reich von solcher Ausdehnung gegeben, wie Dschingis Khan, seine Söhne und Enkel es eroberten. Nur das britische Empire des 19. Jahrhunderts sollte es übertreffen. Um 1280 herrschten die Mongolen vom Japanischen Meer bis zum Mittelmeer. Doch fast so schnell, wie ihr Imperium gewachsen war, zerfiel es auch in unabhängige Herrschaftsbereiche - zum Beispiel in das Reich der Goldenen Horde in Russland, dessen Reste noch bis 1502 fortexistierten. Eine Frage wird über die Mongolen immer gestellt: Waren sie tatsächlich nur ruchlose Plünderer und Mörder? In den Augen ihrer Nachfahren keineswegs. Für die Mongolen von heute ist Dschingis Khan vielmehr ein Nationalheld - der Staatsgründer und erste Herrscher der Mongolei.

Man muss den frühen Mongolen außerdem zugute halten, dass sie toleranter mit anderen Religionen umgingen, als viele Staaten es heute tun. In Dschingis Khans eigenem Klan gab es Buddhisten und Christen , dazu Menschen, die - wie der Herrscher selber - zum Himmel, der höchsten Gottheit der Mongolen, beteten. Zwar trifft es zu, dass Moscheen und Tempel in den belagerten Städten niedergebrannt wurden, aber es war bei diesem Volk nicht üblich, Menschen zu bestrafen, nur weil sie einem anderen Glauben angehörten.

Dennoch: Die Mongolen töteten ohne Hemmungen - feindliche Krieger ebenso wie schutzlose Zivilisten -, und sie unterwarfen Millionen, als sie ihren Traum von einem Großreich verwirklichten. Im 13. Jahrhundert kam es zu so vielen Kriegen wie kaum einmal sonst, und an Grausamkeit wurde diese Epoche durch wenige andere übertroffen. Die Kreuzfahrer zogen ins Heilige Land, chinesische Dynastien bekämpften sich gegenseitig, und in Zentralasien hatten mehrere Kriege gewütet, bevor Dschingis Khan dort einmarschierte. Er war ein Mann seiner Zeit.


(NG, Heft 6 / 2005)
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