Ein steiler Pfad führt mich hinauf in den Olymp der Navigation. Im Royal Observatory, hoch auf einem Hügel in Greenwich, streift David Rooney, ein Kurator der Königlichen Sternwarte, seine weißen Baumwollhandschuhe über, öffnet eine Panzerglasvitrine und nimmt die weiße Schnur, die unten aus einer filigranen, aber einen guten halben Meter hohen und fast ebenso breiten Uhr hängt. So geschieht es jeden Morgen. Dann zieht er die Kordel aus dem Gehäuse, genau 80 Zentimeter weit. Es ist 8.51 Uhr. Leise rattert es metallisch. "Für mich ist es immer wieder eine große Ehre, diese Uhr aufzuziehen", sagt der Kurator und strahlt mich an wie ein junger Vater, der stolz seine Tochter vorzeigt. "Sie ist einzigartig."
Bild: Erworben mit Unterstützung des National Art Collections Funds, London, National Maritime Museum Vergrößern
Ungerührt schwingen die beiden hantelförmigen Gewichte gegenläufig hin und her. Im Rhythmus der Sekunden bewegt sich die Hemmung auf und nieder, die Zahnräder - manche aus Messing, andere aus Holz - greifen exakt ineinander. Vier von Ranken und Engeln eingerahmte Zifferblätter zeigen genau den Tag, die Stunde, Minute und Sekunde an. "Ohne diese Uhr", erklärt Rooney und schließt die Vitrine, "würde die Welt heute wohl anders aussehen." Ich stehe und staune. Die "H-1". Das Wunderwerk, mit dem man endlich die genaue Position auf dem Meer feststellen konnte. Das Instrument, das die Vorherrschaft der Briten über die Weltmeere mitbestimmte. Die erste Seeuhr von John Harrison. Der Genialität dieses einfachen Tischlers und Uhrmachers aus Nordengland haben die Briten zu einem guten Teil ihre frühere Macht über die Welt zu verdanken. Und einem Unglück, das als eine der größten Katastrophen in die Annalen der Schifffahrt einging.
Bild: Bridgeman Giraudon/Bristish Library, London Vergrößern
Es war im Oktober 1707, über dem östlichen Atlantik jagte ein Sturmtief das nächste, und viele Seeleute blieben lieber im schützenden Hafen, als sich den tosenden Elementen auszuliefern. Seit dem 27. September war eine Flotte der Royal Navy unter dem Kommando von Admiral Sir Clowdisley Shovell auf dem Weg von Gibraltar nach Portsmouth. Am Abend des 22. Oktober, Portsmouth war zum Greifen nah, lief die "Association" mit 650 Mann an Bord auf die Felsen der Scillyinseln und sank sofort. Dann drei weitere Schiffe. Mehr als 1600 Männer ertranken vor der Südwestküste Englands, weil ihre Kapitäne und Steuerleute die Position nicht bestimmen konnten. Nur 26 überlebten. Wie konnte das passieren? War Kolumbus nicht mehr als 200 Jahre zuvor viermal sicher nach Amerika gesegelt und glücklich wieder in Europa angekommen? Waren nicht die Wikinger in ihren offenen Booten bereits um das Jahr 1000 von Europa nach Nordamerika und zurück gefahren? Hatte nicht Magellans Mannschaft schon die Erde umrundet, Vespucci die Ostküste Südamerikas erkundet? Diese herausragenden Seeleute kannten schon den Kompass, hatten erste Karten und Instrumente, um den Lauf der Gestirne zu beobachten. So konnten sie ziemlich genau die Breite bestimmen und auf einer Geraden parallel zum Äquator die Meere überqueren, also Breitensegeln. Und dennoch gingen bis weit ins 18. Jahrhundert hinein unzählige Schiffe verloren, weil die Kapitäne nicht exakt feststellen konnten, auf welcher Länge - einer gedachten Linie von Pol zu Pol - sie sich befanden.
Bild: Heiner Müller-Elsner Vergrößern
Waren sie, wenn sie nach Westen oder Osten segelten, noch fünf, 15 oder 50 Meilen von der Küste entfernt? Schiffe zerbarsten auf Felsen, an Bord tötete Skorbut die Seeleute, nachdem sie im Sturm vom Kurs abgekommen waren und eine geplante sechswöchige Reise zur monatelangen Odyssee wurde. So durfte es nicht weitergehen! Das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert stand im Zeichen des globalen Handels. Wer auf See die Länge bestimmen konnte, dem würde die Welt gehören. Dessen Schiffe würden die kürzesten Seewege befahren können, dessen Seestreitmacht wäre allen anderen Kriegsflotten überlegen und dessen Handelsflotte würde die Schätze Asiens und Amerikas sicher nach Europa bringen. Überall in der Alten Welt wurden Sternwarten gebaut.
Die spanische und französische Krone lobten hohe Preise aus, um eine Lösung zu finden und sich einen Vorteil zu verschaffen. In England war der tragische Untergang der Flotte von Admiral Sir Clowdisley unvergessen, und die Merchants of London, ein Zusammenschluss von Kaufleuten, drängten ihre Regierung, endlich zu handeln. Am 8. Juli 1714 trat der Longitude Act in Kraft: Unvorstellbare 20 000 Pfund Sterling - heute rund zwei Millionen Euro - sollte erhalten, wer eine Methode erfand, mit der die geographische Länge mit einer Abweichung von höchstens einem halben Grad bestimmt werden konnte. "Davon hörte auch John Harrison im fernen Nordengland", sagt David Rooney. "Und er machte sich daran, eins der größten Probleme seiner Zeit zu lösen."
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus