Expedition Deutschland

Artikel vom 01.12.2005  —  Autor: Jürgen Nakott

Urige Wälder und Wildnis, Weite und Stille, Natur, so weit das Auge reicht. Nicht nur in Kanada oder Australien , auch bei uns. Orchideenwiesen und Mooridyllen, aber auch Orte, an denen man Luchs und Fischadler beobachten kann, liegen nur ein paar Autominuten von der eigenen Haustür entfernt - und sind doch vielen Menschen so unbekannt wie ein fremder Kontinent. Sie kennen den Grand Canyon in den USA, aber nicht die verwunschenen Winkel im Bayerischen oder im Pfälzer Wald. Sie sind durch Nebenflüsse des Orinoko gepaddelt, wissen aber nicht, welche Erlebnisse im Unteren Odertal auf sie warten. Diesen geschützten und schützenswerten Teil unseres Landes - seine Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks - bekannter zu machen ist das Ziel von EUROPARC Deutschland, der Dachorganisation der Schutzgebiete. Zusammen mit dem Verband Deutscher Naturparke (VDN) und NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND startet EUROPARC jetzt die Kampagne "Natur hat einen neuen Namen - Nationale Naturlandschaften". Ein Name, eine Marke, ein Ziel.

"Wir wollen unsere mehr als 100 geschützten Naturlandschaften den Besuchern näher bringen", sagt Eberhard Henne, der Vorsitzende von EUROPARC, "wollen informieren über die Besonderheiten ihrer Ökologie, die Vielfalt und Einzigartigkeit ihrer Tier- und Pflanzenwelt, aber auch über die Probleme der einzelnen Gebiete." Das können neue Straßen, Industrieansiedlungen oder eine Pipeline durchs Watt sein, aber genauso rücksichtslose Natur-"Benutzer", die beim Wildwasserfahren oder auf Klettertouren weder auf Brutgebiete noch auf Schonzeiten und gefährdete Arten achten. Wo bisher die Verwaltung jedes Schutzgebiets mehr oder weniger für sich kämpfte, sollen die Vernetzung der Organisationen und die Bündelung der Interessen helfen, die Lebensräume vieler seltener Tier- und Pflanzenarten zu erhalten. Sie sollen helfen, Mittel für die Forschung aufzubringen. Und nicht zuletzt soll die Kampagne den Wert dieser Landschaften für die Menschen deutlich machen.

Noch wird oft ein Widerspruch zwischen den Ansprüchen des Menschen und der Natur gesehen. Wo der eine ist, könne die andere nicht sein. Wir wünschen uns mehr Straßen, um unser Haus im Grünen schneller zu erreichen. Doch die Sicht übers Lenkrad hinaus in den Stau macht zuweilen blind dafür, dass Naturschutz nicht nur für die Natur gut ist. Für Exumweltminister Jürgen Trittin etwa sind die Naturparks "Modellregionen für den fairen Interessenausgleich zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Erholung für den Menschen einerseits und Schutz der Natur andererseits". Es sei nötig - und möglich -, die Ansprüche eines modernen Industriestaats mit dem Schutz der biologischen Vielfalt und dem Erholungsbedürfnis von 82 Millionen Menschen in Einklang zu bringen. Gestritten wird über solche Vorstellungen seit mehr als 100 Jahren. Einer der Ersten, die sie vertraten, war der deutschstämmige Forstwissenschaftler Aldo Leopold. Er schuf zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Grenzgebiet der USA zu Mexiko mit ökologischen Studien die Basis zur Gründung der ersten Schutzgebiete.

Nationalpark Wattenmeer (großes Bild), Kleeblätter im Nationalpark Berchtesgaden

Bild: Norbert Rosing/NG Image Collection Vergrößern

Sein Credo: "Ein Land darf sich erst dann als kultiviert oder zivilisiert bezeichnen, wenn es seiner Wildnis genug Bedeutung schenkt." Mit seiner "Ethik der Nachhaltigkeit", die er 1923 formulierte, gilt er als Pionier des ökologischen Denkens. Seine Saat keimte auch in Deutschland.

Als Vorläufer der Natur- und Nationalparks wurde 1921 das Schutzgebiet Lüneburger Heide ausgewiesen, 1922 folgte das Siebengebirge. 1956 wurde der Begriff "Naturschutzpark" geprägt. 2006 - zum 50-Jährigen - feiert Deutschland deshalb das Jahr der Naturparke. Schirmherr ist Bundespräsident Horst Köhler. Die beiden ersten Naturparks waren der Hohe Vogelsberg in Hessen (1957) und das Siebengebirge (1958). Der erste Nationalpark war der Bayerische Wald; er wurde 1970 gegründet. Im letzten Quartal des vorigen Jahrhunderts kamen die Biosphärenreservate hinzu, eine weltweite Schutzkategorie der Unesco. Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als ein Dutzend Arten von Schutzgebieten nach nationalem und internationalem Recht, deren Flächen sich oft zu großen Teilen überschneiden.

Alle Anforderungen und Aufgaben dieser Schutzgebiete zu erklären, Widersprüche zu lösen und Interessen zu bündeln, das strebt die Kampagne "Nationale Naturlandschaften" an. EUROPARC Deutschland, der VDN und NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND werden darüber im Jahr 2006 mit vielen gemeinsamen Aktionen und Veröffentlichungen informieren - immer unter dem neuen Signet, dem dreifarbigen Kreis. Er stellt klar: Hier wird Naturschutz auf den Punkt gebracht.

Sollen die Nationalen Naturlandschaften geschützt werden? Oder sollen die unberührten Flecken zur Bebauung freigegeben werden, damit jeder ein Häuschen im Grünen haben kann? Senden Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 12 / 2005)
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