Gefahr aus Asien: Grippetod

Artikel vom 01.10.2005  —  Autor: Tim Appenzeller  —  Bilder: Lynn Johnson

Vor drei Wochen haben sie die kleine Ngoan hinter der Hütte ihrer Eltern bestattet. In Vietnam, weit draußen auf dem Land, auf einer Anhöhe zwischen einem Fischteich und gelbgrün leuchtenden Reisfeldern. Die Angehörigen haben Ngoans Lieblingssachen dazugelegt: einen Puppenstuhl, Muschelschalen, Plastiksandalen. Das Grab haben sie in einem hellen Graublau gestrichen.

"Sie war noch so klein, erst zehn Jahre alt", sagt ihre Großmutter. "Sie war sanftmütig und eine gute Schülerin. Sehen Sie sich nur ihre ältere Schwester an" - die Siebzehnjährige steht schüchtern im Hintergrund -, "dann können Sie sich vorstellen, wie sie war." Ngoans Großvater zündet stumm ein Räucherstäbchen an. Den Rest der Welt würde es normalerweise wenig kümmern, wenn hier, in einem abgelegenen Winkel am Mekong, ein Kind an einer Infektionskrankheit stirbt. Denguefieber und Typhus - alte Geißeln der Menschheit - fordern in dieser Region bis heute ihre Opfer, die Immunschwächekrankheit Aids ist auf dem Vormarsch. Und dennoch lassen Ngoans Tod und mehrere Dutzend weitere Tote in Südostasien seit dem Jahr 2003 auf der ganzen Welt die Alarmglocken schrillen. Manche Staaten schicken medizinische Berater, im eigenen Land legen sie inzwischen Medikamentenvorräte an und entwickeln neue Impfstoffe.

Der Austausch von Krankheiten zwischen Tieren und Menschen wird verstärkt erforscht. Denn Ngoan ist an Grippe gestorben. Grippe - für die meisten Menschen ist das ein lästiges, jährlich wiederkehrendes Übel wie die Steuererklärung oder der Zahnarztbesuch. Aber man unterschätzt sie. In Deutschland sterben in jeder durchschnittlichen Grippesaison 5000 bis 8000 Menschen an den Folgen der Ansteckung mit dem Influenzavirus. Im Winter 2002/2003 waren es 16 000, im Winter 2004/2005 wohl ähnlich viele; die abschließende Statistik liegt noch nicht vor. An der Grippe sterben bei uns - weitgehend unbeachtet - doppelt so viele Menschen wie bei Verkehrsunfällen. Der Erreger mutiert so schnell, dass man gegen ihn nie völlig immun werden kann. Jedes Jahr muss ein neuer Impfstoff hergestellt werden. Das ist die normale Grippe. An der Krankheit aber, die jetzt in Südostasien Menschenleben fordert, ist nichts normal. Die ersten Opfer waren Hühner. Mehr als 100 Millionen Tiere wurden bereits von dem Virus getötet oder gekeult, um die Verbreitung des Erregers zu stoppen.

Dass Hühner Grippe bekommen, ist nicht ungewöhnlich. Es gibt mehr Vogelgrippeviren als Erreger, die Menschen krank machen. Aber selbst ein Experte wie der Amerikaner Robert Webster von der Kinderklinik St. Jude in Memphis hatte es noch nie mit solchen Erregern zu tun, an denen die kleine Ngoan gestorben ist. "Es ist das schlimmste Grippevirus, das ich je gesehen habe", sagt Webster.

Hühner verenden binnen Stunden, aufgedunsen und blutend, und ähnlich ist es bei Laborratten und Tigern. Auch Menschen steckten sich schon an. Auf dem Hof von Ngoans Eltern waren zunächst die Hühner gestorben, ehe das Mädchen krank wurde. Jeder zweite Mensch, von dem man weiß, dass er sich mit diesem Virus infizierte, starb. Viele Gesundheitsexperten sehen darin die Vorboten einer Katastrophe.

Wie würden Sie reagieren, wenn das Killer-Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte? Bereiten Sie sich auf eine mögliche Grippewelle vor? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 10 / 2005)
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