Hölle und Hoffnung

Artikel vom 01.12.2005  —  Autor: Edward Girardet  —  Bilder: John Stanmeyer

Katastrophen ohne Ende: 50 000 Erdbebenopfer im Norden von Pakistan, riesige Schäden durch den Hurrikan "Katrina" in New Orleans, mehr als 225 000 Tote nach dem Tsunami an den Küsten des Indischen Ozeans. Die Bilder erschüttern uns, und innerhalb weniger Tage liefen große Hilfsaktionen an. Doch der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, wie der indonesischen Provinz Aceh, könnte ein Jahrzehnt dauern. Anderswo hat sich die Hilfe schnell verflüchtigt: In der iranischen Stadt Bam, vor zwei Jahren von einem Beben zerstört, leben noch Zehntausende in Notunterkünften, und im Norden Ugandas müssen sich jede Nacht 30 000 Kinder vor Rebellen in Sicherheit bringen. Auch nach der Katastrophe noch humanitäre Unterstützung zu erhalten ist wie ein Lotteriespiel. Denn die Aufmerksamkeit wendet sich bald der nächsten Krise zu.

Wie einsame Wächter stehen die wenigen Bäume, die den Tsunami überstanden haben, entlang der neu erschaffenen Küsten und Buchten. Ich klammere mich an die halb geöffnete Luke des Hubschraubers und schaue wie gebannt auf die Zerstörung, die sich unter mir ausbreitet. Der malaysische Hubschrauber schlingert vorwärts und versucht, sich eng an die westliche Küstenlinie der indonesischen Provinz Aceh zu halten, jener Region am indischen Ozean, die von der verheerenden Flutwelle heimgesucht wurde. Von hier oben sieht es aus, als hätte eine teuflische Macht die Holzhäuser und Reisfelder sorgfältig aus dem Boden gerupft. Noch fast drei Kilometer landeinwärts wurde jede Spur menschlichen Lebens aus der Erde gerissen. Doch dann, unmittelbar auf der anderen Seite der "Grenzlinie", wo der Tsunami an Kraft verlor, sehe ich winzige Gestalten: Bauern, die auf Reisfeldern arbeiten, und Kinder, die zwischen Mangobäumen spielen.

Als ich Mitte Januar in Medan, einer Stadt im Norden Sumatras, die als wichtiger Ausgangspunkt für die Hilfsmassnahmen in der Provinz Aceh dient, ankomme, wimmelt es von Helfern, Journalisten und Militärpersonal. Nach dem Tsunami waren sie in fieberhafter Eile von Regierungen und Redaktionen, von den Vereinten Nationen und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) auf der ganzen Welt entsandt worden. Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen", Care und das International Rescue Committee (IRC) mussten mit anderen Gruppierungen um den eng bemessenen Platz ringen. Die Scientology-Sekte zum Beispiel flog Dutzende lächelnder junger Freiwilliger ein. In grellgelbe T-Shirts gekleidet, stellten sie mitten in Banda Aceh bunte Fahnen und Zelte auf. Heute herrscht ein aufgeputschter Kameradschaftsgeist nach dem Motto "Wir sitzen alle in einem Boot". Ein amerikanischer Student schwärmt davon, welche Leistungen Scientology in der Behandlung traumatisierter Kinder vollbringe. Eine Freiwilligengruppe der indonesischen Roten Kreuzes besteigt erschöpft, aber gerührt ein singapurisches Militärflugzeug. "Am stärksten wird mir in Erinnerung bleiben, dass Menschen aus allen Ländern herkamen, um zu helfen", sagt Jailani, ein Student aus Borneo.

Nicht weit vom Rollfeld entfernt, schleppen australische Soldaten schweres Gerät für eine Wasseraufbereitungsanlage, die demnächst 19 000 Liter pro Stunde liefern soll. "Wir sind für den Kampf ausgebildet", sagt ein Unteroffizier mit kurz geschorenem Haar. "Doch diese Erfahrung hat etwas Ernüchterndes. Vielleicht macht sie uns zu besseren Menschen." Vielleicht. Doch einige erfahrene Angehörige internationaler Hilfsorganisationen haben sich damit abgefunden, dass die Hilfe in solchen Fällen ungleich verteilt wird. Sie wurden von wichtigen humanitären Projekten, hauptsächlich aus Afrika, hierher verlegt. Ein Vertreter der Weltgesundheitsorganisation erinnert mich daran, dass Aids in nur drei Wochen ebenso viele Menschen tötet wie der Tsunami.

Welche Bilder veranlassen Sie zu spontanem Mitleid und welche Rolle nimmt Ihrer Ansicht nach die Flut an Medien in Ihrem Solidaritätsverhalten ein? Senden Sie uns bitte unter Angabe Ihrer Anschrift Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 12 / 2005)
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