Man weiß, dass sie da sind. Aber man sieht sie nicht. Der brasilianische Biologe Adriano Chiarello legt den Kopf wie ein Yogameister in den Nacken und schielt zu den obersten Ästen eines Baums hinauf, der sich 30 Meter über uns erhebt. Irgendwo in dem Blättergewirr hängt ein Kragenfaultier, ein Weibchen mit seinem acht Monate alten Jungen. Das gleichmäßige Piepen des Funksenders am Kragen der Mutter hat Chiarello an den Fuß des Baums geführt, doch die Technik hat Grenzen. Von hier aus muss der Biologe die Tiere auf die altmodische Art aufspüren: mit seinen Augen. "Aber solange sie sich nicht bewegen, bekommen wir sie nicht zu Gesicht", sagt Chiarello. "Denn Faultiere sind wirklich faul. Den größten Teil des Tages tun sie nur eines: nichts." Er reibt sich die Augen, schüttelt den Kopf und späht wieder nach oben. "Warten Sie mal. Da, genau über Ihnen. Sie klammert sich an einen Ast."
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Ich blicke an Chiarellos ausgestrecktem Zeigefinger entlang und kann tatsächlich zwischen den Blättern das dunkelbraune Gesicht der Mutter ausmachen. Dann steckt sie gemächlich den Kopf unter den Arm und sieht jetzt aus wie eine große, behaarte Kokosnuss. Oder wie ein Bienennest. "Für ihre Größe sind sie sehr gut getarnt", sagt Chiarello. "Aber jetzt. Da bewegt sich etwas!" Das Faultierbaby, eine Art "Teletubby" mit Lammfellmantel, kommt zwischen den Armen der Mutter hervor, klettert über sie hinweg und gibt ihr träge einen Klaps ins Gesicht. Unbeeindruckt streckt das Muttertier im Zeitlupentempo den Arm nach einem Zweig aus und knabbert an den Blättern. Wie schlafwandelnde Hochseilartisten bewegen sich die Faultiere an den Ästen entlang zu den frischesten Blättern. Die Mutter über uns wiegt sieben Kilo, aber sie und ihr Baby hängen an nur bleistiftdünnen Zweigen wie seltsame, halb lebendige Früchte. Diese Faultiermutter ist Chiarellos "Hauptdarstellerin", wie er sagt.
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Sie ist der Star seiner Studie, die teilweise von der National Geographic Society finanziert wird und dazu dient, neues Wissen über die bedrohten Säugetierarten im Kommunalpark von São Lourenço zu sammeln, einem kleinen Stück der Mata Atlântica - des Waldes an der brasilianischen Atlantikküste. Wie viele andere Arten haben auch die Kragenfaultiere große Teile ihres früheren Lebensraums verloren, seit die ersten portugiesischen Seeleute hier im April 1500 an Land gingen. Zu jener Zeit bedeckte der Atlantikwald wohl an die 1,4 Millionen Quadratkilometer. Das ist rund ein Fünftel der Fläche des heutigen Amazonaswaldes, der rund 800 Kilometer nordwestlich beginnt. Der Regenwald säumte die Küste vom Bundesstaat Rio Grande do Norte bis hinab zur Grenze nach Uruguay. An manchen Stellen erstreckte er sich 500 Kilometer weit ins Landesinnere. Das Spektrum seiner Biotope reichte von den Mangroven der Küste bis zu Bergrücken mit einer Durchschnittshöhe von 900 Metern, die von immergrünen Laub- und Nadelbäumen bedeckt waren.
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Als eine ihrer ersten Handlungen fällten die portugiesischen Seeleute einen Baum. Sie bauten ein Kreuz daraus und feierten eine Messe, mit der sie das Land und seinen Wald in Besitz nahmen. Im Laufe der nächsten 500 Jahre wurden noch viele Bäume abgeholzt. Städte entstanden, zudem Minen und Felder mit Zuckerrohr, Kaffee, Kakao und Eukalyptus - alles Arten, die aus anderen Ländern eingeführt wurden. Heute leben rund 70 Prozent der brasilianischen Bevölkerung auf dem Gebiet des früheren Atlantikwaldes. Die meisten Menschen drängen sich in zwei der drei größten Städte Südamerikas: São Paulo und Rio de Janeiro. Vom einstigen Wald sind nur noch sieben bis acht Prozent übrig - zum größten Teil isolierte Parzellen, von denen manche nicht einmal drei Hektar messen.
Unter den biologischen Hotspots der Erde - bedrohten Regionen mit besonders vielen endemischen Arten (die also nur dort vorkommen) - gehört der Atlantikwald nach einer Einstufung der Umweltorganisation Conservation International zu den fünf wichtigsten.
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