Im Farbenrausch

Artikel vom 01.05.2005  —  Autor: Les Kaufman  —  Bilder: Tim Laman
Kaiserfische

Bild: Tim Laman Vergrößern

Das Gelb so leuchtend, das Blau so klar - schon ein Blick auf das psychedelische Farbenspiel eines Großen Kaiserfischs gibt uns einen Eindruck von den guten Launen der Evolution. Und dann erst die Heimat dieses Tiers, die Korallenriffe: Sie sprühen vor Leben, Farben und Mustern. Ohne Zweifel die buntesten Orte, die unsere Erde zu bieten hat. Aber warum? Wissenschaftler wissen schon lange, dass grelle Farben für die Auswahl von Paarungspartnern und als Warnzeichen bei Gefahr wichtig sind. Aber erst seit etwa zehn Jahren verstehen sie, wie die Lichtwellenlängen (das heißt: die Farben) in verschiedenen Wassertiefen wirken und wie unterschiedlich die Augen der Meerestiere das Licht aufnehmen. Sicher ist: Diese Lebewesen sehen einander ganz anders, als wir sie sehen.

Ich möchte mehr darüber wissen, wie die Tiere Farben für sich nutzen, und begebe mich mit dem Fotografen Tim Laman auf Tauchexpedition in den Gewässern vor den Fidschiinseln und vor Indonesien. Außerhalb der Riffe, wo das Wasser meist trüb ist, kommunizieren die meisten Lebewesen über Geruch und Geschmack, Berührungen und Geräusche. Aber im klaren, sonnendurchfluteten Wasser der Korallenriffe ist überall Licht, und der Sehsinn spielt die beherrschende Rolle.

Feuerseeigel

Bild: Tim Laman Vergrößern

Alle Tiere, auch die blinden, setzen sich mit leuchtenden Farben in Szene. Sie wollen damit nicht nur Partner anlocken und Feinde abschrecken, sondern auch ihre Dienste anbieten und Beute fangen. So vor Fidschi. Zu Beginn unserer Entdeckungstour untersuchen Laman und ich die gesunden Riffe vor dieser Inselgruppe im Südpazifik. Mein Begleiter schwimmt 25 Meter unter der Oberfläche und richtet seine Scheinwerfer auf die Korallen. Sie leuchten grellrot auf. Doch als wir das künstliche Licht abschalten, sehen wir das Riff so, wie es wohl auch den Fischen erscheint: in eher blassen Blau-,Grün-,Violett- und Gelbtönen. Das auffällige Rot ist verschwunden, denn die längeren Lichtwellen werden von Wassermolekülen und Schwebstoffen absorbiert. Vermutlich haben rote Farbstoffe für Meerestiere in größeren Tiefen die Funktion von Grau oder Schwarz.

Samtanemonenfische

Bild: Tim Laman Vergrößern

"Wie und was sehen Fische?" - das fragten sich Justin Marshall von der Universität von Queensland in Australien und sein Kollege George Losey von der Universität von Hawaii. Mit dem Verfahren der Mikrospektrometrie untersuchten und analysierten die Meeresbiologen die Sehpigmente und die Lichtempfindlichkeit der Augen von Fischen. Außerdem maßen sie die Wellenlänge des Lichts, das von verschiedenen Teilen des Riffs reflektiert wird, und berechneten daraus eine "durchschnittliche Rifffarbe". Dabei stellten sie etwas Interessantes fest: Das leuchtende Gelb und Blau, das viele Korallenbarsche, Lippfische und Kaiserfische tragen, mischt sich mit den Farben des Riffs, bietet so eine perfekte Tarnung und macht sie so gegenüber ihren natürlichen Feinden nahezu unsichtbar.


(NG, Heft 5 / 2005)
Extras

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