Wie Gespenster tauchen die beiden Schafhirten plötzlich auf. Die Haare der Berber wild zerzaust, die Schultern mit dreckbespritzten Wollumhängen bedeckt, folgen sie uns durch ein trockenes Flussbett und einen mit Geröll übersäten Hang hinauf. Meine Begleiter Driss und Khalid rufen den Halbwüchsigen etwas in Tamazight zu, der Sprache der Berber im Hohen Atlas. Ihre Worte hallen durch die Schlucht. Die Schafhirten antworten nicht. Aber als sie hören, wie Driss etwas auf Arabisch zu Khalid sagt, schauen sie einander beunruhigt an und kraxeln den Abhang wieder hinunter. Dabei beobachten sie uns ängstlich - mit meiner sonnenverbrannten Haut und dem bunten Rucksack muss ich ihnen wie ein Marsmensch vorkommen. Und Driss und Khalid sind zwar Berber, doch ihre westliche Kleidung und ihr Arabisch weisen sie deutlich als Fremde aus.
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Der Abend naht, hoch über den Kämmen kündigt sich ein Gewitter an. Wir bauen die Zelte auf und kriechen mit dem ersten Donnergrollen hinein. Aber die Ruhepause währt nicht lange: Durch den Spalt der Zelttür beobachte ich zwei Männer mittleren Alters, Berber, die langsam näher kommen. Sie schreien zornig etwas auf Tamazight. "Beruhigt euch, wir sind nur auf der Durchreise!", ruft Driss ihnen zu. "Wer hat euch erlaubt, durch unser Tal zu ziehen?", fragen die Berber und fuchteln mit ihren mitgebrachten Stöcken. "Der Dorfälteste von Bou Terfine!", antwortet Driss. "Ein Gewitter zieht auf. Wir führen nichts Böses im Schilde. Lasst uns für die Nacht hier bleiben!" Die Erwähnung des Dorfältesten bringt die Berber nur noch mehr gegen uns auf. Einer der Männer drischt mit seinem Stock auf den Boden und befiehlt uns zu verschwinden, sonst passiere etwas.
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Ein unheilvoller Auftakt für die 600 Kilometer lange Bergwanderung, die vor uns liegt. Doch irgendwie passt er zur Geschichte der Berber, die sich selber als amazigh bezeichnen, was "freier Mensch" bedeutet. Zu dem Volk der Berber gehören heute etwa 25 Millionen Menschen; sie leben vor allem in Marokko und Algerien. Bereits mehrere tausend Jahre vor der arabischen Eroberung, die den Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Nordafrika brachte, siedelten ihre Vorväter in diesen Bergen und Wüsten. In den Jahrhunderten nach dem Einfall der Araber flohen viele Berber in die Hochebenen. Dort fanden sie Ackerland, Weide für ihr Vieh - und vor allem Freiheit. Die Berber im Flachland übernahmen die Kulturen, Religionen und, bis zu einem gewissen Grad, auch die Sprachen ihrer Eroberer, zu denen neben den Arabern auch die Römer und die Franzosen gehörten. Den Berbern in den Bergen gelang es hingegen, ihre Identität, Sprache und Unabhängigkeit bis heute zu bewahren.
Ich begann meine Reise in Zentralmarokko, in der Nähe von Midelt. Sie soll nach zwei Monaten an einem der malerischsten Orte des Landes enden: bei den Wasserfällen von Imouzzer des Ida Ou Tanane nahe dem Atlantik. Die Route führt mich durch das Kernland des Reichs der Berber und ermöglicht mir, ihre Traditionen und Riten kennen zu lernen. Zwei Berber begleiten mich: Driss Hemmi, ein 30-jähriger Bergführer aus Midelt, der sein Geld damit verdient, die wenigen Touristen durch die zugänglichen Ecken des östlichen Hohen Atlas zu führen. Und Khalid Ouamer, ein sanftmütiger 23-jähriger Bauer aus einem Dorf in der Nähe von Midelt.
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Nun haben wir ein handfestes Problem: Donner rollt durch die Schlucht, die Dunkelheit bricht herein, und zwei Berber drohen uns mit Gewalt. Ich schlage Driss vor, ihnen Geld anzubieten - in Marokko der übliche Weg, solche Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Er runzelt die Stirn: "Das habe ich versucht, aber die hören nicht zu." Dann zieht er seine Reiseführerlizenz hervor, zeigt sie den Schafhirten und erklärt, dass wir den Auftrag hätten, den Hohen Atlas zu überqueren. Und tatsächlich: Die Männer sind beeindruckt.
Was denken Sie über die Berber? Sind sie ein veraltetes Volk, das in unserer fortschrittlichen Welt keine Überlebenschance hat? Oder hätten die Berber mit Unterstützung der Regierung eine Zukunft? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.
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