Im Schatten der Bombe

Artikel vom 01.08.2005  —  Autor: Richard Rhodes
erster Atombombentest in Mexico 1945 (rechts), verbrauchte Kernbrennstäbe

Bild: Los Alamos National Laboratory, Yonap/AP/Wide World Photos (links) Vergrößern

Vor 60 Jahren, an einem stürmischen Abend des Jahres 1945, betritt der amerikanische Physiker J. Robert Oppenheimer die Bühne eines Kinos in Los Alamos, einer geheimen Stadt im US-Bundesstaat New Mexico. Der hagere, angespannte Mann soll zu seinen Kollegen sprechen - Hunderten Männern und Frauen, die unter seiner Leitung die ersten Atombomben gebaut haben. Am 6. und 9. August 1945 hatten amerikanische Flugzeuge zwei solcher Bomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Die Feuerstürme und die Verstrahlung zahlloser Menschen waren der Schlusspunkt des grausamsten Kriegs der Geschichte - und veränderten das Gesicht kriegerischer Auseinandersetzungen für immer. Oppenheimer warnt: Die Welt würde bald erfahren, was sie, die Forscher, bereits begriffen hätten - dass Atomwaffen erstaunlich billig und leicht herzustellen seien, wenn man wisse, wie.

Karte der Atomwaffenmächte

Bild: NG Maps Vergrößern

Bald, so prophezeit er, würden auch andere Länder sie bauen. Ihre Vernichtungskraft - "bereits unvergleichlich viel größer als die jeder anderen Waffe" - werde noch zunehmen. Dennoch sieht der Physiker die Atomwaffen "nicht nur als große Gefahr, sondern auch als große Hoffnung". Was dachte sich Oppenheimer dabei? Hiroshima und Nagasaki lagen in Trümmern. Zehntausende waren getötet, Hunderttausende schwer verletzt worden. Die "große Hoffnung", die der Forscher in den Atomwaffen erkannte, lag nicht gerade auf der Hand, trotz des Sieges der Amerikaner. Das gilt noch immer. Heute sind acht Staaten nachweislich im Besitz von Atomwaffenarsenalen, und mindestens 20 weitere verfügen über die Technologie und das Material, um innerhalb etwa eines Jahres solche Waffen herzustellen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte überdies dazu, dass Terrorgruppen und Kriminelle an Atomwaffen gelangen können, durch Diebstahl oder heimliche Ankäufe. Auch Wissen ist gefragt. Abdul Qadeer Khan, der "Vater der pakistanischen Bombe", soll Geheiminformationen, Waffenproduktionstechnologie und Pläne zum Bau von Atombomben an Libyen, Nordkorea und den Iran weitergegeben haben. Experten befürchten, dass sein Netzwerk auch andere mit vertraulichen Informationen versorgt hat. Seit Mitte der neunziger Jahre träumen Osama bin Laden und seine Anhänger davon, in den Besitz atomarer Sprengkörper zu gelangen, um die Vereinigten Staaten anzugreifen. Niemand weiß, wie nah Terroristen davor stehen, eine radioaktive "schmutzige“ Bombe oder sogar eine richtige Atomwaffe einsetzen zu können.

Wolke einer Wasserstoffbombe

Bild: Michael Light, National Archives Vergrößern

Oppenheimers Hoffnung erwuchs aus Diskussionen mit dem brillanten dänischen Physiker Niels Bohr, der aus seinem von den Nazis besetzten Heimatland geflohen und 1943 nach Los Alamos gekommen war. Bohr glaubte damals - und teilte dies Oppenheimer mit -, dass Atomwaffen irgendwann zu einer allgemeinen Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnten: wie eine Krankheit, die sich als globale Pandemie ausbreitet. Wenn die Staaten die Bedrohung erkannten, darin waren sich Bohr und Oppenheimer einig, würde die Welt zusammenrücken wie nie zuvor, um schon zum Selbstschutz die Verbreitung von Atomwaffen zu begrenzen. Und wenn man diese Übereinkünfte durch offene Verhandlungen und gegenseitiges Verständnis erzielte, könnte die Gefahr von Kriegen endgültig gebannt werden.

In den nachfolgenden Jahrzehnten, als sich ein Staat nach dem anderen um die Bombe bemühte und ein Wettrüsten riesigen Ausmaßes einsetzte, kann diese Vision von einer offenen, sicheren Welt nur naiv gewirkt haben. Nach einem nur um Haaresbreite verhinderten Atomkrieg während der Kubakrise 1962 begann der Traum von Bohr und Oppenheimer aber wahr zu werden. Allmählich besannen sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, und die Welt folgte.

Teilen Sie die Meinung Oppenheimers, dass Atomwaffen "nicht nur als große Gefahr, sondern auch als große Hoffnung" zu sehen sind? Schreiben Sie uns Ihre eigene Auffassung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 8 / 2005)
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