Italien vor den Römern

Artikel vom 01.02.2005  —  Autor: Erla Zwingle  —  Bilder: O. Louis Mazzatenta

Er war ihr im Traum erschienen, ein trauriger, schöner Samnitenknabe, der sich auf dem Heimweg verirrt hatte. "Es war auf einem Hügel, den ich kenne", erinnert sich Teresa Cerlone. "Er wanderte in einer Welt umher, die nicht die seine war, und suchte nach einem Tor nach Hause. Ich erinnere mich an eine Quelle, und es gab auch einen Eingang mit zwei Säulen und einem Treppenaufgang wie beim Tempel in Pietrabbondante. Er bat mich: 'Hilf mir, den Weg zu finden', und nahm mich bei der Hand. Ich spürte, dass er aus Fleisch und Blut war. Dann war er plötzlich verschwunden, aber seine Hand blieb in meiner. Sie war nicht mehr menschlich, sondern aus Terrakotta. Da wachte ich auf, schweißgebadet." Als es hell wurde, ging die Frau zu dem Hügel, von dem sie geträumt hatte.

Bei einem katholischen Fest in Cocullo, versuchen die Menschen die Figur des heiligen Domenico Abate anzufassen

Bild: David Alan Harvey Vergrößern

Sie ist keine Archäologin, aber sie interessiert sich sehr für die Samniten, ein kriegerisches Volk, das einst die Abruzzen beherrschte, nicht weit von ihrem Zuhause in Isernia. Dort, wo sie im Traum die Quelle gesehen hatte, begann sie in der lehmigen Erde zu graben. Plötzlich berührte sie etwas Hartes und zog es heraus. Es war ein Stück Terrakotta. Es war eine Hand. Entdeckungen wie diese - wenn sie auch längst nicht alle so unheimlich sind - liefern neue Erkenntnisse über die Völker, die vor der Römerherrschaft in Italien lebten. In der Eisenzeit, um das 9. Jahrhundert v. Chr., gab es in Italien viele verschiedene Kulturen und Sprachen, viele Arten von Kunst und Handwerk. Die Römer waren ein kleiner Stamm von Bauern, die in der Nähe des Tiber in Hütten lebten, und bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. wäre es wohl eher den Etruskern oder den Samniten zuzutrauen gewesen, dereinst die westliche Welt zu erobern.

Die ethnischen Gruppen im vorrömischen Italien, allgemein Italiker genannt, lebten zumeist in provisorischen Siedlungen. Sie beackerten kleine Anbauflächen, hüteten Schafe und Rinder, handelten mit fremden Kaufleuten und hatten das eine oder andere Scharmützel mit ihren Nachbarn. Sie lebten in einer Welt, in der die Gottheiten durch Vogelflug und Donner sprachen; sie schufen kleine Meisterwerke aus Keramik und Metall und verehrten ihre Götter mit Tieropfern. Und sie versuchten bis zuletzt in spektakulären Schlachten und mit komplizierten Verträgen, den Aufstieg Roms zu verhindern. Vergebens: Im 1. Jahrhundert v. Chr. mussten sie auch die letzten Reste ihrer politischen Autonomie an das Römische Reich abtreten. Die Etrusker sind die berühmteste unter den vielen Kulturen des vorrömischen Italien. Aber auch drei andere Gruppen verdienen größere Beachtung, als sie bislang bekommen haben: die Falisker (die Anpassungswilligen), die Samniten (die Krieger) und die Umbrer (die frommen Gläubigen). Viele heutige italienische Wörter und Bräuche gehen auf diese vorrömischen Völker zurück: auf ihre Vorstellungswelt, ihren Einfallsreichtum, ihre Frömmigkeit - und auf eine Vielzahl von Elementen, deren Ursprung man bislang den Römern zuschrieb. Heute ist bekannt, dass auch die Römer sie nur übernommen hatten.

Die Sprachen eines Teils der Italiker haben ihren Ursprung in einem gemeinsamen Idiom, das so genannte Sabellische, und sie wurden mit Schriftzeichen wiedergegeben, die sich an das griechische, lateinische oder etruskische Alphabet anlehnten. Eine ihrer Varianten, das Oskische, war in Italien einst verbreiteter als Latein. Es ist bekannt, dass die Samniten Oskisch sprachen, das dem Umbrischen vermutlich so ähnlich war wie heute Spanisch dem Italienischen. Einige hundert Wörter aus dem Oskischen und anderen italischen Sprachen sind uns durch Inschriften überliefert. Der römische Brauch, einem Menschen einen Vor- und einen Nachnamen zu geben, stammt vermutlich vom Volk der Sabiner.

Die Gladiatorenkämpfe waren Teil eines Bestattungsritus, der vielleicht auf die Etrusker zurückgeht und von den Römern übernommen wurde. Auch der Name Italien leitet sich von einem alten sabellischen Wort ab, das ursprünglich nur den unteren Teil des italienischen Stiefels bezeichnete. "Der in Italien heute noch immer stark ausgeprägte Regionalismus hat mit den Unterschieden zwischen diesen vielen Gruppen zu tun", sagt Professor Nicola Terrenato. "Dort liegen unsere kulturellen Wurzeln."


(NG, Heft 2 / 2005)
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