Jenseits des Tals der Wunder

Artikel vom 01.01.2005  —  Autor: William Least Heat-Moon  —  Bilder: Phil Schermeister

[Der Getränkeautomat]

Mountain Light

Bild: Galen Rowell Vergrößern

Mitten in Yosemite Village, im tiefen Tal des oberen Merced River in Kalifornien, steht ein Automat mit Erfrischungsgetränken. Seine Vorderseite zieren das postergroße Foto eines Golfers und ein Schriftzug, der verkündet: "Entdecken Sie Ihr persönliches Yosemite." "Nationalparks sind keine Vergnügungsparks", hatte mir eben noch der Ranger Scott Gediman erklärt. Nun stelle ich fest, dass es auf dem Gebiet des Yosemite einen Golfplatz gibt, eine Kunsteisbahn, fünf Skilifte, eine Sportbar mit Großbildfernseher - und jedes Jahr zu Weihnachten ein Festessen mit Live-Musik in historischer Kulisse. Gerade als ich mir eine Notiz zu dem Getränkeautomaten machen will, stürzt eine Horde Touristen auf mich zu. Ich muss einem mit Windeltüten behängten Kinderwagen ausweichen und einem Tandem, in dessen Anhänger zwei kläffende Minihunde hocken. Aus Autofenstern lugen Videokameras, und auf den Wegen sehe ich mehr Badesandalen als festes Schuhwerk. Fast jeder Besucher hält eine Eistüte in der Hand. Nur einen Steinwurf vom Getränkeautomaten entfernt stehen zwei Hotels, ein großes Geschäft, ein Gefängnis, ein Postamt, ein Geldautomat.

Im Park gibt es Stellplätze für 2000 Autos und mehr als 300 Kilometer asphaltierte Straßen. Bin ich wirklich in dem Tal, das für seine Naturwunder und seine 1300 Kilometer Wanderwege gerühmt wird? Oder liegt Yosemite irgendwo anders - in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort?

[Schmetterlinge]

Dieses Tal liegt so tief in der Sierra Nevada verborgen, dass die ersten Amerikaner europäischer Abstammung erst im Jahr 1851 hierher fanden. Damals führte James Savage, der in der Gegend drei Handelsposten betrieb, eine Miliz namens "Mariposa Battalion" dorthin, um die im Tal lebenden Ahwahneechee durch Androhung oder auch Anwendung von Gewalt zu zwingen, sich eindringenden Goldgräbern und Siedlern zu fügen. In der ersten Nacht kampierten die Männer in der Nähe von Bridalveil Meadow.

Am nächsten Morgen waren die Indianer verschwunden, mit Ausnahme einer alten Frau, die sagte: "Ich bin zu alt, um die Felsen zu erklimmen." Als sie nicht verraten wollte, wohin ihr Volk gegangen war, machte Savage ("der Grausame") seinem Namen alle Ehre und ließ die Hütten der Indianer niederbrennen - die Untat wurde zum Beginn eines Vertreibungsfeldzugs, der zwei Jahre andauern sollte. Mariposa ist das spanische Wort für Schmetterling, doch der lokale indianische Ausspruch "yo`hem-iteh" (auf Deutsch: "Sie sind Mörder") kommt den Ereignissen im Tal näher.

[Der verlorene Bericht]

Im Jahr 1864 erreichte der Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted das Yosemite Valley und war hingerissen. Einen Monat zuvor hatte Präsident Lincoln ein Gesetz unterzeichnet, mit dem zwei Teilgebiete des heutigen Yosemite National Park unter Naturschutz gestellt wurden: das Yosemite Valley und ein Wäldchen mit Mammutbäumen im Süden. Nach dem Ende seiner Expedition schrieb Olmsted einen Bericht für die kalifornische Regierung, unter deren Kontrolle das Gebiet damals stand. Das Dokument war Ausdruck der Erwartung, dass eine Regierung Gebiete von außerordentlichem landschaftlichem Wert für ihre Bürger bewahren sollte. Olmsted war überzeugt davon, dass die Schönheit der Natur das menschliche Nervensystem nicht nur beruhigt, sondern auch stärkt. Doch der Bericht mit seinen zeitlosen Richtlinien erreichte nie sein Ziel. Erst im Jahr 1952 wurde er veröffentlicht. In der Zwischenzeit konnten sich im Yosemite Valley verschiedene kommerzielle Unternehmen etablieren, die mit der Zeit immer mehr Raum einnahmen.


(NG, Heft 1 / 2005)
Extras

Buch-Tipp: Der NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER USA-Nationalparks
Reisen Sie zu den amerikanischen Wäldern mit dem Der NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER USA-Nationalparks. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus