Ein Sonntagmorgen in der Hamburger St.-Pauli-Kirche: "Lasset uns beten", spricht der Pastor, andächtig senken die Gemeindemitglieder die Köpfe. Da poltert es gegen das Kirchentor. "Ouvrez la porte!!!", schreit eine Männerstimme. Die Tür fliegt auf, Soldaten mit Fackeln und blau-weiß-roten Uniformen stürmen herein. Ihr Anführer rammt seinen Gewehrkolben auf die Dielen und brüllt: "Proclamation! Diese Kirche ist auf Anordnung von Marschall Davout niederzubrennen. Verlassen Sie das Gebäude!" Der Pastor antwortet mit fester Stimme: "Nein. Heute bitte ich Sie um Frieden." - "Je m'appelle Marius Franke", stellt sich mir der Soldat später vor. Er ist Bautechniker, heute aber Caporal einer Reenactment-Gruppe, die Szenen aus der Franzosenzeit nachspielt.
  Vergrößern
"Wir sind das 127. Regiment de Ligne", sagt Franke und deutet auf seinen Trupp - einen Polizisten, einen Juristen, einen Marketingleiter. Der Pastor hat die 127er anlässlich des "Tags des offenen Denkmals" engagiert, um an eine wahre Episode aus der Geschichte seiner Kirche zu erinnern. Am 3. Januar 1814 brannten französische Soldaten die Vorstadt auf dem Hamburger Berg nieder - um freies Schussfeld auf die anrückenden Russen zu haben. Es war nicht mehr als ein letztes Aufbäumen der Besatzer, denn Napoleon war längst geschlagen. Mehr als ein Dutzend Jahre hatte der rastlose Korse die Welt in Atem gehalten. Hatte die Armeen von Österreich, Russland und Preußen hinweggefegt. Hatte Grenzen verschoben wie Steine auf einem Spielbrett. Hatte Europa die Ideale der Französischen Revolution gebracht - allen voran die Gleichheit vor dem Gesetz -, dafür aber Hunderttausende in den Tod geschickt.
  Vergrößern
War Napoleon also ein grausamer Despot? Oder ein Mann, der seine Ideen mit den falschen Mitteln durchzusetzen versuchte? Oder doch einer der Vordenker des modernen Europa, wie der renommierte Napoleon-Experte Jean Tulard meint? Den Gang der deutschen Geschichte hat er von 1801 an jedenfalls entscheidend mitgeprägt. Napoleone Buonaparte, wie er eigentlich hieß, wurde 1769 in Ajaccio auf Korsika als Sohn eines Advokaten geboren. Seine militärische Karriere begann er im Alter von neun Jahren als schmächtiges Kerlchen mit kinnlangen braunen Haaren und schmalem Gesicht. Mit 1,68 Meter Größe war er später für die damaligen Verhältnisse gar nicht so klein, wie oft behauptet wird. Der Eindruck entstand, weil er sich stets mit seiner Garde umgab, deren Soldaten ihn um zehn Zentimeter überragten. Als Junge sprach Napoleon mit starkem korsischem Akzent, man ahnt, dass er unter seinen Mitschülern an der Königlichen Militärschule in Brienne zu leiden hatte.
  Vergrößern
Doch er biss sich durch - und machte als geschickter und siegreicher Befehlshaber bald im Eiltempo Karriere: 1785 Offizier der Artillerie. 1793 Brigadegeneral. 1799 putschte er sich an die Spitze der Republik. Als er sich am 2. Dezember 1804 in der Kathedrale von Notre-Dame im Beisein von Papst Pius VII. zum Kaiser krönte, war Napoleon gerade mal 35 Jahre alt. Der erste Schritt nach Deutschland war da längst gemacht: Am Verhandlungstisch hatte er den deutschen Fürsten die linksrheinischen Gebiete abgeluchst. Die Rheinländer waren darüber nicht traurig. Als Napoleon im September 1805 Aachen besuchte, jubelten ihm die Leute zu: "Vive l'Empereur! Vive l'Impératrice!", erschallte es aus Tausenden von Kehlen, als er zu Pferd durch die Straßen sprengte.
Voller Hoffnung blickten sie auf diesen Mann, der von sich sagte: "Ich bin die Französische Revolution." Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit - davon träumten auch die Menschen in den vielen, meist winzigen absolutistischen deutschen Staaten. "Zumindest die Katholiken hätten eigentlich gegen ihn sein müssen. Immerhin wollte er die Kirche abschaffen", sagt die Tübinger Historikerin Ute Planert, die für ihre Habilitation die Lebensumstände in den süddeutschen Staaten der damaligen Zeit erforscht hat. Doch viele sahen Napoleon als Werkzeug Gottes. Planert: "Anders konnten sie sich seine militärischen Erfolge nicht erklären."
Wie sehen Sie Napoleon? Halten Sie ihn für einen modernen Vordenker oder für einen grausamen Machtmenschen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.
Reiseführer-Tipp: NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER Frankreich
Entdecken Sie mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER Frankreich das Land, das Napoleon regierte. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus