Im Wohnzimmer der Teichtals gibt es kein Gestern, nur ein Heute und ein Morgen. Auf dem Tisch flackern die Sabbatkerzen. Es ist Freitag, vor einer Stunde hat sich die Sonne verneigt und die Dunkelheit begrüßt. "Now Chana wants to sing us a song", kündigt ihr Vater, der Rabbiner Yehuda Teichtal, an. Er stammt aus New York, und eigentlich spricht er Deutsch, nur heute Abend nicht, weil Gäste aus Israel und den USA mit am Tisch sitzen. Chana trägt ein dunkelblaues Samtkleid, das bis auf den Boden reicht. Sie krabbelt auf ihren Stuhl, damit jeder sie sehen kann, und bohrt aus Verlegenheit in der Nase. Zwölf Personen sitzen an dem festlich gedeckten Tisch. Es ist still, so still, dass in der Ferne nur das Rauschen der Autos auf dem Ku'damm zu hören ist. Leise beginnt Chana die erste Strophe zu singen. Neben mir sitzt Deborah aus Australien, ein frommes Mädchen mit riesigen braunen Augen, das mir, der Nichtjüdin, wertvolle Tipps gibt. Auf dem Tisch stehen Gefillte Fisch, Suppe mit Matzenklößen und die gesegnete Challah, das Sabbatbrot. Vor einer halben Stunde stand ich noch mit den Männern in schwarzen Anzügen und mit langen Bärten, mit den Frauen in bodenlangen Röcken und täuschend echten Perücken in der Küche. Füllte einen Silberkelch mit Leitungswasser, um mir vor dem Brotbrechen getreu der religiösen Tradition die Hände zu waschen. Dreimal goss ich das Wasser über die rechte, dann dreimal über die linke Hand. Jetzt legt Teichtal einen Finger auf seinen Mund. "Ssshhht." Bis alle am Tisch sitzen und der Challah-Segen gehalten wird, soll nicht gesprochen werden. "Fühl dich nicht wie zu Hause", hat Teichtal mich begrüßt. "Du bist zu Hause."
Bild: Werner Mahler/Ostkreuz Vergrößern
Teichtal ist Rabbiner der orthodoxen Chabad-Lubawitch-Bewegung. Ein Power-Rabbi, der am Brandenburger Tor übergroße Chanukkalichter anzündet und Berlins Bürgermeister Wowereit zum Tanz auffordert. Der katholische Pfarrer zu sich nach Hause einlädt. Ein streng religiöser, jedoch moderner, progressiver Rabbi. "Wo Dunkelheit ist, muss Licht erstrahlen", predigt er. Jüdisches Licht in Berlin, nach einem halben Jahrhundert Dunkelheit. "Nicht trotz des Holocaust, sondern gerade deshalb!" Teichtal begeistert viele eingewanderte Juden. Seine Synagoge in Charlottenburg ist voll. Nicht nur freitags. Es sind vor allem jüdische Einwanderer aus der früheren Sowjetunion, die in Deutschland und nicht in Israel einen Neuanfang suchen - aus wirtschaftlichen Gründen und aus Angst vor Terroranschlägen. Angelockt wurden sie durch eine liberale Einwanderungspolitik, denn die jüdischen Gemeinden standen vor dem Zerfall. Praktisch konnte jeder nach Deutschland kommen, dessen Geburtsurkunde ihn als Jude auswies oder dessen Vater oder Mutter ein solches Dokument besaß. Allein 2002 kamen 19 200. Jetzt wird in Politik und Gesellschaft darüber debattiert, die Einwanderung zu begrenzen.
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Was zunächst aussieht wie ein Segen, entpuppt sich für die Gemeinde in Berlin als soziales Problem. Die meisten der Zuwanderer leben von staatlicher Unterstützung. Hinzu kommen die kulturellen Unterschiede und verschiedene Auffassungen von Traditionen, die von einigen Mitgliedern der Gemeinde mit Sorge beobachtet werden. Russische Liederabende statt hebräischen Lobgesangs. Manche sehen bereits eine Abspaltung innerhalb der nächsten Jahre voraus. Doch andere werten das neue deutsche Judentum als Chance, eine lebendige jüdische Identität aufzubauen. Ob es eine Blütezeit des deutschen Judentums geben wird, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert in Berlin existierte - darüber gehen die Meinungen auseinander. Junge jüdische Einwanderer entscheiden sich wegen ihrer sozial schwachen Situation oft dafür, ihre Kinder in jüdische Erziehungseinrichtungen - Kindergärten, Grundschulen - zu geben, die durch Spenden finanziert werden. Dort gibt es ein herausragendes Bildungsangebot, und es wird gelehrt, wie man als religiöser Jude lebt. Liberale Juden beobachten diese Entwicklung mit Skepsis, weil sie befürchten, den Eingewanderten würde so ein "religiöser Schliff" verpasst, der die jungen Juden radikalisiere. Nichtjüdische Deutsche bewerten die Tatsache, dass sich in der jüdischen Gemeinde in Berlin etwas bewegt, als positiv. Doch drehen auch sie sich um, wenn in der Straßenbahn ein orthodoxer Jude einsteigt. Jüdischsein ist eine von vielen Parallelgesellschaften in Berlin.
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