Ruhm und Verderben bei den Spielen des Todes

Autor: Emanuel Eckardt
Zum 2758. Geburtstag der Stadt Rom im Frühjahr 2005 marschieren als Legionäre verkleidete Männer zum Kolosseum

Bild: Alberto Novelli Vergrößern

Das Kolosseum wirft einen langen Schatten. Hoch ragt das größte Bauwerk der Antike, ein Monument aus Travertin und Tuff, Ziegeln und Marmor. Ein unverwüstliches Kulturerbe, anderthalb Jahrtausende lang ausgeweidet und geplündert als Steinbruch für Kirchen und Paläste, von Blitzschlägen und Erdbeben erschüttert, heute Italiens berühmteste Verkehrsinsel. Eine Attraktion, die Jahr für Jahr viele Millionen Besucher anlockt. Die Arena des Todes.

Ein herrlicher Tag im kaiserlichen Rom. Die ersten Römer eilen ins Kolosseum. Das Programm ist vielversprechend - Tierhetzen, ein paar Hinrichtungen, dann die Gladiatoren. Einer der Höhepunkte wird wieder der Kampf desretiarius gegen den secutor sein, der eine nackt bis auf den Lendenschurz, ohne Helm, ohne Schild und ohne schützende Beinschienen, nur ausgestattet mit Netz und Dreizack, der andere geschützt mit Helm und Panzer und gut bewaffnet. Die Regel ist klar. Es gibt kein Unentschieden: Jeder Kampf hat einen Sieger und einen Verlierer, über den das Volk von Rom richten wird. Und wenn es will, ist er ein toter Mann.

Übersichtskarte über das Reich der Kampfspiele

Bild: Alfredo Dagli Orti/BPK, Stapleton Collection/Bridgeman Giraudon, Verlag Phillip von Zabern Vergrößern

Ich bin früh am Morgen gekommen. Die Andenkenhändler sind noch dabei, ihre Auslagen zu sortieren: das Kolosseum als Aschenbecher oder rosa schimmernder Leuchtkörper für die Vitrine, Papst Johannes Paul II., Michelangelos David oder die Madonna in Gips. Die ersten Schulklassen rücken an, quietschvergnügte Kohorten mit grellfarbigen Kappen, damit niemand verloren geht. Ein steiler, niedriger Wendelgang führt mich 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Unten begleitet mich Heinz Beste, Bauforscher des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, durch die Reste des Untergeschosses. "Sie müssen sich das hier in einer Art Dämmerlicht vorstellen", sagt er. Wir stehen am Grund der Zeit, zwischen den Mauern im offen liegenden Untergeschoss des Amphitheaters. Über uns verteilen sich die Touristen auf den Rängen; hier unten ist es still. Gras wächst aus den Ritzen, Brennnesseln wuchern. Meine Phantasie beginnt zu spielen, ich stelle mir vor, wie es war - retiarius gegen secutor, ein Klassiker. Holzplanken bilden den Boden der Arena über uns, deren Fläche von Sand bedeckt ist. Im Halbschatten der Unterbühne herrscht reges Leben.

Illustration der Arena von Rom

Bild: Giorgio Albertini Vergrößern

Gerade hat das Unterhaltungsprogramm begonnen - mit den venationes, den Tierhetzen. Hier unten riecht es wie im Zoo, der Gestank wilder Tiere. Türen klappen, Männer hasten durch das System der Transportwege und Gänge, der Stallungen und Vorratsräume, Waffenkammern, Gefängniszellen und Käfige, treiben mit Fackeln und Spießen Tiere in enge Pferche, die sich plötzlich nach oben bewegen. Raubkatzen fauchen, Seilwinden ächzen, wenn ein Löwe oder ein Leopard in einem der 28 Fahrstühle nach oben gefahren wird, um unvermutet in der Arena aufzutauchen. Durch die Öffnung des Fahrstuhlschachts dringt der Jubel von 50 000 Menschen. Der Mob von Rom: eine Bestie mit vielen tausend Stimmen.

Wie grausam war das römische Volk? Können Sie sich vorstellen, dass wir uns heute an den Todeskämpfen vergnügen würden? Sind Kampfszenen im Fernsehen vielleicht genauso schrecklich? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 9 / 2005)
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