Schönes neues Deutschland

Artikel vom 01.10.2005  —  Autor: Dieter Bartetzko  —  Bilder: Christian Grund

Das Bauhaus in Dessau ist ein Juwel der Moderne. Aber schön? So schön, dass man Millionen ausgibt, um das 1925/26 von Walter Gropius entworfene Gebäude originalgetreu wiederherzustellen? So schön, dass es ebenbürtig neben dem Dresdner Schloss oder dem Dom von Erfurt steht, die gerade mit Millionenaufwand restauriert werden? Ja, es ist tatsächlich so. 15 Jahre intensive Denkmalpflege auf dem Gebiet der ehemaligen DDR haben die grandiose Vielfalt unseres baulichen Erbes im allgemeinen Bewusstsein verankert.

Wenn Ende nächsten Jahres die Wiedervollendung des asketischen gläsernen Bauhaus-Gebäudes abgeschlossen sein wird, ist mit allgemeinem Beifall zu rechnen. Begonnen hat diese Erfolgsgeschichte mit der überraschenden Wiedervereinigung. Im Vorfrühling des Jahres 1990 schien sich für mich der längst vergessene Kindheitstraum zu erfüllen: einmal wie Nils Holgerson durch das versunkene Vineta schlendern. Ich stand in Erfurt, am Fuß der Domtreppe, und schaute fassungslos hinauf zu den Steingebirgen dieses Baus und der benachbarten Severikirche. Was ich bis dahin nur aus verblassten Fotobänden und Kunstführern der Vorkriegszeit kannte, war nun leibhaftig zu erleben.

Das ganze Land war Vineta. Unbekanntes Land mit altem, ungewohntem Pflaster, mit spiegelglatten Katzenköpfen und kleinen, im Fischgrätmuster verlegten Ziegeln, weich wie Moos anmutend und mit großformatigen Trittplatten aus Granit, die ich Westmensch in dieser Größe und Schroffheit zuvor nur in minderbemittelten Vierteln Westberlins betreten hatte. Halle lernte ich kennen. Die waghalsig spitzen Turmgebilde der Marktkirche, den düster gedrungenen gotischen Roten Turm am Markt - alles so, wie ich es zuvor nur in den flirrenden Liniengespinsten auf Lyonel Feiningers Lithografien gesehen hatte. Ich sah den Renaissancedom, dessen Traufen monumentale halbrunde Mauerschilde tragen. Ähnlichem war ich zuvor nur in Krakau oder Ferrara begegnet. Neben dem Dom, halb verfallen, schweigend der Bischofshof, so verwinkelt und versponnen, als habe ihn nicht ein spätgotischer Baumeister ersonnen, sondern Hans Poelzig für einen der berühmten Golemfilme des Expressionismus. Bei der Fahrt nach Meißen erlebte ich einen jener Momente, die für den Rest des Lebens haften bleiben.

Eine letzte Kurve auf der Straße, die sich parallel zur Elbe durch die Landschaft zwischen Dresden und der Porzellanstadt windet - dann der jäh aufragende Rotsandsteinfelsen, der den Meißener Dom samt der Albrechtsburg über Stadt und Fluss stemmt. Es riss mir förmlich den Kopf nach oben. Damals bestürmte Gottfried Kiesow, der in Danzig geborene damalige Landeskonservator Hessens, die westdeutschen Denkmalschützer und Unternehmer. Sie fuhren Dachziegel, Regenrinnen, Balken und Teerpappe tonnenweise in den Osten.

Es war eine Art auf die Straße verlegter Luftbrücke. Tausende akut gefährdeter Baudenkmäler wurden gerettet. Neue Dächer, Entwässerung, Sicherung durch Vermauern der Fenster und Türen waren der hoffnungsvolle Beginn einer gigantischen Rettungsaktion, an der Ost und West mit Feuereifer arbeiteten. Dem bald darauf wiedervereinten Deutschland, der neuen Republik, war gleichsam ein kostbares bauliches Erbe wiedergeschenkt: in letzter Sekunde Gerettetes für den Osten als Ersatz für das, was im Westen verspielt worden war. Alle glaubten an Wunder. So wurde das gemeinsame Bemühen um die Kulturschätze zum eigentlich dauerhaften Akt der Wiedervereinigung.

Lohnt sich die Denkmalpflege auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in Milliardenhöhe? Oder hätte man das Geld besser investieren können? Senden Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 10 / 2005)
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