Stammzellen - Quelle aller Heilkraft

Artikel vom 01.07.2005  —  Autor: Rick Weiss  —  Bilder: Max Aguilera-Hellweg

Am Anfang werden aus einer Zelle zwei, und aus zwei Zellen werden vier. Sie sind fruchtbar und mehren sich, werden zu einem Klümpchen aus vielen Zellen, einer schimmernden Kugel voller Möglichkeiten. Die Wissenschaftler träumen schon lange davon, aus diesen jungfräulichen Zellen eines jungen menschlichen Embryos gezielt das wachsen zu lassen, was sie brauchen: Leberzellen, Gehirnzellen , Haut, Knochen, Nerven. In diesem Stadium können sich die jungen Zellen noch in alle rund 200 Zelltypen verwandeln, aus denen ein Mensch besteht. Man könnte geschädigte Organe und Gewebe reparieren - und zwar nicht mit Insulinpumpen, Titangelenken und ähnlich plumpen Behelfen, sondern mit lebendem, gezüchtetem Ersatz. Der Traum vom Jungbrunnen wäre nahe daran, medizinische Wirklichkeit zu werden. Sofern es den Menschen gelingt, ein paar gemeinsame Antworten auf Fragen von Ethik, Moral und Menschenwürde zu finden.

Es begann im November 1998: Der Wissenschaftler James Thomson von der Universität von Wisconsin in Madison berichtete, dass es ihm gelungen sei, aus Embryonen, die nach künstlichen Befruchtungen übrig geblieben waren, die weltweit erste Kultur menschlicher Stammzellen zu züchten. Die Medizin schien am Beginn einer neuen Ära zu stehen. Dann meldeten sich Kirchen und Politik zu Wort: Woher sollten die Embryonen kommen, die man für die weitergehende Forschung brauchte? Wie viele von ihnen müsste man zerstören, um die Millionen Patienten zu versorgen, denen man mit Stammzellen aus Embryonen helfen wollte? Inzwischen werden diese Fragen rund um die Welt gestellt. Dort, wo man in jedem Embryo - selbst wenn er erst aus wenigen, undifferenzierten Zellen besteht - ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sieht, setzt man die Nutzung seiner Zellen mit Kannibalismus gleich.

Fötus (kleines Bild), fünf Tage alter Embryo im Öhr einer Nähnadel

Bild: Yorgos Nikas (rechts) Vergrößern

Die Menschen dieser Überzeugung warnen vor einer "schönen neuen Welt" mit "Embryonenfarmen" und "Klonfabriken" zur Produktion von Ersatzteilen für Menschen. Ihrer Ansicht nach könnte man die gleichen Ergebnisse auch mit adulten Stammzellen erzielen; das sind unreife Zellen aus dem Knochenmark und anderen Organen erwachsener Menschen, aber auch aus den Nabelschnüren, die normalerweise nach der Geburt weggeworfen werden. Die Verfechter der Forschung mit embryonalen Stammzellen antworten, adulte Stammzellen seien zwar zur Behandlung mancher Krankheiten nützlich, aber man habe aus ihnen bisher nicht das ganze Spektrum der Zelltypen heranzüchten können, die aus embryonalen Stammzellen hervorgehen. Sie weisen darauf hin, dass die Kühltruhen in den Befruchtungskliniken voller überzähliger, unerwünschter Embryonen sind - jeder von ihnen ein tiefgefrorener Zellhaufen, kleiner als der Punkt am Ende dieses Satzes, ohne Gestalt und ohne Empfinden. Wenn die Eltern einen solchen Embryo spenden wollten, wäre es doch unmoralisch, das auszuschlagen und auf die Chance zu verzichten, damit einen Menschen zu heilen. Kaum jemand stellt noch in Frage, dass embryonale Stammzellen große medizinische Möglichkeiten bieten. Beispiel Herzkrankheiten - in vielen Industriestaaten die häufigste Todesursache: Man kann embryonale Stammzellen dazu veranlassen, zu Herzmuskelzellen heranzuwachsen. In Gewebekulturen ballen sie sich zu Einheiten zusammen, die im Takt pulsieren.

Als man herzkranken Mäusen und Schweinen solche Herzzellen injizierte, traten sie an die Stelle geschädigter oder abgestorbener Zellen und beschleunigten die Genesung. Ähnliche Versuche lassen darauf schließen, dass man mit Stammzellen künftig auch Krankheiten wie Diabetes oder gar Querschnittslähmung heilen könnte. Kritiker verweisen dagegen auf Tierversuche mit beunruhigendem Ausgang: Manchmal wachsen embryonale Stammzellen zu Krebsgeschwulsten heran, oder es gelingt nicht, sie so zu steuern, dass sie zu dem Gewebe werden, was gebraucht wird - Herzzellen zum Beispiel - sondern zu einem ganz anderen Zelltyp. Die Argumente werden hin- und hergespielt, aber Politiker und Regierungen warten nicht auf endgültige Antworten. In manchen Ländern, auch in Deutschland, hatte man Angst, auf die schiefe Bahn unmoralischer Experimente zu geraten. Deshalb sind manche Formen der Stammzellenforschung dort inzwischen verboten.

Andere Länder, darunter die USA, haben der staatlich finanzierten Wissenschaft enge Beschränkungen auferlegt; privat finanzierte Forschungsunternehmen sind dagegen frei zu tun, was sie wollen. Und Staaten wie Großbritannien, China, Südkorea und Singapur sind zu innovativen Zentren der Stammzellenforschung geworden, unterstützt mit Fördergeldern und begleitet von Ethikdiskussionen. Rund um den Globus wetteifern Wissenschaftler um Methoden, die am schnellsten zu einer brauchbaren Therapie führen. Sie gehen auf unterschiedlichen Wegen vor, aber in einem Punkt herrscht offensichtlich Einigkeit: Wie wir Menschen mit unseren neuen Erkenntnissen über die Embryonalentwicklung umgehen, wird eine Menge darüber aussagen, wer wir sind - und wer wir sein werden.


(NG, Heft 7 / 2005)
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