Vampir der Tiefsee

Artikel vom 01.01.2005  —  Autor: Virginia Morell

"Wer hätte das gedacht?", ruft Expeditionsleiter Bruce Robison plötzlich. "Da ist ja ein Vampyroteuthis!" Auf dem Bildschirm erscheint ein dunkles, fledermausähnliches Tier mit acht Armen und glimmenden Augen, so groß wie Glasmurmeln. Langsam flattert es durch den Lichtkegel des Tauchfahrzeugs. Vampyroteuthis ist ein lebendes Fossil, der letzte Vertreter einer alten Tiergruppe, aus der vermutlich die modernen Kalmare hervorgegangen sind. Normalerweise bekommt Robison diese seltenen, urtümlichen Kreaturen nur einmal im Jahr zu Gesicht. Deshalb konzentriert er sich jetzt mit der Kamera ganz auf Vampyroteuthis und lässt alles andere außer Acht. "Über dieses Tier wissen wir so gut wie nichts", sagt er. "Was frisst es? Wie erzeugt es die Biolumineszenz an seinen Armspitzen? Und wozu sind diese seltsamen Anhängsel gut?" Er deutet auf zwei lange Fäden, die das Tier hinter sich herschleppt. Es kann die Fortsätze aufrollen und in zwei Taschen zwischen den Armen verstauen. Aber anders als die Arme tragen sie keine Saugnäpfe. "Ich kann es nicht beweisen, aber ich vermute, die dienen ihm als chemische Sensoren", sagt Robison. "Je tiefer wir kommen, desto dunkler ist es im Meer. Da werden andere Sinnesorgane immer wichtiger." Nachdem Tucker den Vampyroteuthis eingefangen hat, löst French ihn am Steuerpult ab. Wir gehen stetig tiefer, sind bereits zwei und dann zweieinhalb Kilometer unter der Wasseroberfläche angelangt. Der Meeresschnee fällt immer noch, aber nicht mehr so dicht. Außerdem sind weniger Tiere zu sehen. "Das ist der schwierigste Bereich zum Überleben. In solche Tiefen sinkt kaum Nahrung."

Hier hat das Team eine neue Quallenart entdeckt. Sie ist doppelt so groß wie eine Familienpizza und wurde auf den Namen granrojo getauft - das spanische Wort für "große Rote". Robison hofft, dass wir auf dieser Reise noch mehr Exemplare der Quallen zu sehen bekommen, aber bisher machen sie sich rar. "Es ist wirklich eine opportunistische Wissenschaft", sagt er achselzuckend. "Man taucht und nimmt mit, was man kriegen kann. Die Arten, die wir antreffen, schwanken von Jahr zu Jahr und je nach Jahreszeit. Aber auch das ist wichtig für uns. Davon können wir auf den Lebenszyklus der Tiere schließen. Und manchmal stellt es uns vor neue Rätsel." Kurz darauf meldet French: "Sonar mit Bodenkontakt." Der Meeresboden breitet sich wie ein weicher, sandfarbener Teppich aus. Robison deutet auf winzige dunkelrote Quallen, die dicht über der weiten Fläche schweben. Hinter ihnen, auf dem Boden, liegen mehrere dicke Seegurken, Schlangensterne, rosa Seeanemonen und Röhrenwürmer, die ihre gefiederten Fangarme vor dem näher kommenden "Tiburon" einziehen. Ein einsamer Grenadierfisch treibt einige Zentimeter über dem Boden und wühlt auf der Suche nach einer Mahlzeit mit dem Maul im Sediment. "Diesen Teil der Erde haben bisher erst sehr wenige Menschen gesehen", sagt Robison. Wir drängen uns um die Bildschirme, wünschen uns auch jetzt wieder ein größeres Gesichtsfeld und fragen uns, welche Geheimnisse wohl noch hinter den Scheinwerferkegeln des "Tiburon" liegen.


(NG, Heft 1 / 2005)
Extras

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