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Eine Steintafel in der Londoner St.-Paul's-Kathedrale, die zu den erhabeneren Schöpfungen der Menschheit gehört, trägt diese schlichte lateinische Inschrift: "Si monumentum requiris, circumspice" - "Wenn du ein Denkmal suchst, blicke umher." Mein Vater übersetzte sie für mich, als ich noch ein kleiner Junge war. Die Worte sind als Kompliment an den Architekten der Kathedrale gedacht. Doch sie lassen sich genauso auf den Planeten Erde, Mutter Natur, Gott oder welches höhere Wesen auch immer anwenden, dem man die vielfältige Großartigkeit und Schönheit unserer Welt zuschreiben möchte. Es steht unumstößlich fest, dass jede imposante Landschaft - Gebirgszug, Schlucht, Höhle, Insel oder Wüste - von Kräften geschaffen wurde, die wir unter dem Begriff Geologie zusammenfassen. Die Geologie ist die Architektin der Welt: Fast alle Landschaften sind das Ergebnis mechanischer Vorgänge - der so genannten Tektonik - im Erdinneren, außerdem des Wirkens von Wind, Wasser und Eis.
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Allerdings ergibt sich daraus ein Folgesatz: Wenn solch herrliche Formationen durch die Kräfte der Natur entstehen, dann können sie von eben diesen Kräften auch zerstört werden. Es liegt im Wesen der Geologie, dass sie einen immer währenden Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung darstellt. Die Felsen, die den Mount Everest bilden, befanden sich einst auf dem Grund eines tropischen Meeres. In einem endlosen Prozess werden sie von Eis und Wind zerrieben und zurück ins Meer getragen, wo sie sich mit anderen Gesteins- und Erdbrocken vermischen - bis sie an anderen, weit entfernten Orten zu neuen Bergen werden. Nichts auf der Welt hat Bestand, kein Gebirgszug, kein Eisfeld, kein Ozean, egal, wie riesig und unerschütterlich sie auch scheinen mögen. Die Gewalt der Natur ist unermesslich, und nichts, das auf der Erde existiert, kann ihr widerstehen.
Bild: Georges Steinmetz/Agentur Focus Vergrößern
Und ich habe auch dies beobachtet: Je schöner, außergewöhnlicher eine Landschaft ist, umso mächtiger sind die Kräfte, die sie entstehen ließen. An den Orten der Erde, die landschaftlich eher reizlos und langweilig sind - Nebraska, der Norden von Manitoba, das südwestliche Queensland, die Steppen von Zentralrussland -, haben sich die geologischen Kräfte längst verausgabt. Seit Tausenden von Jahren geschieht dort wenig, und auch in den kommenden Jahrtausenden wird nicht viel passieren.
Im Gegensatz dazu hat die Geologie dort, wo gewaltige, schroffe Berge auftragen, auch entlang tropischer Inselketten oder palmenbestandener Küsten, ihr Werk in jüngerer Zeit und mit großer Macht getan. Anders ausgedrückt: Die schöneren Orte sind geologisch dem größten Risiko ausgesetzt. Die herrlichsten Winkel der Erde sind häufig die gefährlichsten. Sie sind am verwundbarsten und am stärksten bedroht, von genau jenen Kräften beschädigt zu werden, denen sie ihre Existenz verdanken. Dennoch sind es offenbar genau diese Orte, an denen wir Menschen am liebsten sein wollen. Wir bauen unsere Häuser und Städte, Brücken und Straßen ausgerechnet an den gefährlichen Rändern der Kontinente.
Die soliden, langweiligen Orte - das Innere von Nordamerika und Russland, das öde Hinterland von Australien und Neuseeland - interessiert uns nicht besonders. Die abenteuerlustigen und ehrgeizigen Angehörigen unserer Spezies siedeln sich in reizvollen und stärker herausfordernden Gegenden an. Und trotzdem sind ebendiese Menschen geradezu bestürzt, wenn sich die Natur, die natürlich das letzte Wort hat, wem sie wo zu leben gestattet, plötzlich gegen sie wendet, wenn sie ihre Träume und Lebensgrundlagen zerstört. So war es Ende Dezember 2004 bei dem Tsunami in Südasien.
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