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Shah Rukh Khan ist ein Gott. Zumindest für die jungen Frauen, die vor einem Fünfsternehotel in Punjabs Hauptstadt Chandigarh auf den Filmstar warten. Kreischend stürzen sie auf ihn zu, als er mit seinem Gefolge vorfährt. Eine Frau im roten Sari, jenseits der 30 und Mutter von zwei Kindern, hüpft hysterisch auf und ab, den Tränen nah. "Shah Rukh! Shah Rukh!", schreit sie immer wieder. Während Bodyguards den Weg zum Hoteleingang freiräumen, lässt der Schauspieler seinen Stift über die Zettel fliegen, die ihm die Menschen entgegenstrecken. Nie sah ich jemanden schneller Autogramme schreiben.
Die Frau im roten Sari heißt Shanno Singh. Sie will keine Unterschrift. Sie will den Mann anfassen. "Für mich ist Shah Rukh Khan ein Gott in Menschengestalt", erklärt sie mir. Ihr kleiner Sohn klammert sich an ihren Arm und schaut verlegen drein. Singh ist gekommen, um endlich die Antwort zu finden. "Ist Er wirklich so wie wir?"
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Der Frau wird es wahrscheinlich nie vergönnt sein, ihren "Gott“ zu berühren. Aber sie wird ihn weiterhin anbeten - in einem Tempel, in dem ihn auch Millionen andere Verehrer bewundern: im Kino. Shah Rukh Khan ist der Megastar von Bollywood, wie Indiens Filmindustrie genannt wird. Nirgendwo werden mehr Filme gedreht als hier in Mumbai, dem früheren Bombay. Nicht mal in Hollywood, wo im Jahr 2003 rund 600 Filme produziert wurden. In Indien waren es rund 1100, ein Drittel davon in der Amtssprache Hindi. Auch bei den Zuschauerzahlen liegt Bollywood vorn: Indische Filme werden jedes Jahr rund um den Globus von etwa 3,6 Milliarden Menschen gesehen. Die US-Produzenten müssen sich mit einer Milliarde weniger begnügen.
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Und so ist Bollywood inzwischen ein weltweit geachtetes Markenzeichen für Indien - wie Darjeeling-Tee und das Taj Mahal. Die Filme werden im Nahen Osten und in Zentralasien, in Afrika und in Lateinamerika geschaut. Und mit dem Erfolg von Streifen im Bollywoodstil wie Monsoon Wedding und der Oscar-Nominierung für Lagaan - Es war einmal in Indien im Jahr 2002 steigt das Interesse auch in Europa und in den Vereinigten Staaten. Noch machen hier allerdings Immigranten den Großteil der Zuschauer aus, denn die bunten Schmonzetten treffen selten den Geschmack des Westens. Die meisten Filme sind dreistündige Ausstattungsschinken mit aufwendig choreografierten Gesangs- und Tanznummern. Die Handlungen sind weit hergeholt und drehen sich um Zufälligkeiten und falsche Erwartungen.
Ungewohnt ist für westliche Betrachter auch, dass die Schauspieler während eines Liedes mehrfach Kostüme und Orte wechseln: vom Sari zum Minirock, vom Businessanzug zur Kurta; von den sonnigen Stränden Goas zu den verschneiten Schweizer Bergen. Die wahren Fans ficht das nicht an. Wie die Anhänger von Hollywoodfilmen der dreißiger und vierziger Jahre wollen sie in ein Reich der Phantasie entführt werden - in eine Welt, in der das Unmögliche möglich ist, wahre Liebe alles erobert und Gefühle die Geschichte besiegen.
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