Cameron Liflander klettert auf sein Fahrrad. Mit schmalen Fingern umklammert der schmächtige, ernsthafte Siebenjährige den Lenker. Er ist erkältet, die Ringe unter seinen Augen sind dunkler als sonst. Bedächtig erklärt er seinen Zustand: "Ich esse nicht viel, außer, meine Mutter kann prüfen, was drin ist. Dann darf ich. Nicht vorher." Cameron ist Allergiker. Wie eine weltweit wachsende Anzahl von Menschen. Rund 25 Millionen sollen es allein in Deutschland sein, mehr als 50 Millionen in Amerika, in den westlichen Industrienationen durchschnittlich jeder Dritte. Mancher hat Glück und leidet nur an einer zugeschwollenen Nase, doch Camerons Problem sind nicht nur tränende Augen und ein Kratzen im Hals. Sein Körper kämpft einen zähen Kampf gegen die Umwelt.
  Vergrößern
Und seine Mutter fürchtet, dass die Umwelt siegen könnte. "Ein Kinderarzt sagte mir anfangs, ich würde mir das nur einbilden", erzählt Pamela Liflander. Mehrmals fragte sie wegen der nässenden, Blasen bildenden Ausschläge und der Brechanfälle ihres Säuglings nach. "Der Arzt meinte, kein Kind unter drei Jahren habe echte Allergien, und die Ausschläge und Brechanfälle würden von alleine vergehen. Aber Cameron ist mein zweites Kind. Ich wusste, wie ein gesundes Baby aussieht. Er war es nicht." Cameron blieb kränklich, aber sein Wachstum entsprach dem Durchschnitt. Fast ein Jahr lang wurde er gestillt, dann gewöhnte seine Mutter ihn an andere Nahrung. Eines Tages gab sie ihm etwas Tunfisch. Der Junge lief rot an, schwoll wie ein Schwamm und begann zu würgen. Dieses Mal half noch ein Allergiemittel, doch beim nächsten allergischen Schock musste er in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses.
  Vergrößern
Dem ersten Besuch sollten viele weitere folgen. Gegen wie viele Substanzen kann ein einzelnes Kind allergisch sein? Die Liflanders haben es im Laufe der Zeit herausgefunden. Die Erscheinungsformen von Allergien - Niesen, Keuchen, Jucken, Ausschläge - sind Anzeichen für den Amoklauf eines Immunsystems, das Eindringlinge angreift, die eigentlich keine Bedrohung darstellen. Zu den Allergenen gehören Pollen, Hausstaubmilben, Schimmelpilze, Nahrungsmittel wie Nüsse, Erdbeeren oder Soja. Aber auch Latex, Arzneimittel, stechende Insekten und viele andere Substanzen, auf die der Körper reagieren - und überreagieren - kann.
Allerdings entwickelt nicht jeder Mensch mit positiven Testergebnissen gegen manche Stoffe auch wirklich eine allergische Erkrankung wie Heuschnupfen, Asthma oder Ekzeme. Asthma ist der Hauptgrund dafür, dass Allergologen nicht arbeitslos werden. Diese chronische Entzündung verursacht eine Verengung der Atemwege. Nach einer Übersicht deutscher Allergologen leiden von den 20- bis 44-jährigen Erwachsenen hier zu Lande 44 von 1000 an Asthma. Drei bis sieben Prozent aller Kinder und Jugendlichen haben Asthma, und in 85 von 100 Asthmaerkrankungen ist eine Allergie die Ursache. Schätzungsweise 20 Millionen Amerikaner leiden darunter, doppelt so viele wie vor 20 Jahren.
  Vergrößern
In Neuseeland, Australien, Irland und Großbritannien tritt Asthma am häufigsten pro Einwohner auf. Ähnlich wie Fettleibigkeit sind Allergien im Wesentlichen eine moderne Epidemie. Mit der Industrialisierung eines Landes steigt der Prozentsatz der Betroffenen. In entlegenen Gebieten von Südamerika und Afrika treten diese Überempfindlichkeiten kaum auf.
Können Sie innerhalb Ihres persönlichen Umfeldes eine Häufung an Allergikerfällen oder Unverträglichkeits-Reaktionen ausmachen? Was tun sie dagegen? Senden Sie uns bitte Ihre Erfahrungen unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus