Besonders schwer ist es nicht, einen Kelten zu finden. Was du brauchst, sind Fährtickets, ein Paar Stiefel und gute Ohren. Reise so weit wie möglich nach Westen, bis zu den Klippen des Atlantiks, egal ob in Frankreich oder England, in Irland oder auf den Inseln vor der Küste Schottlands. Jetzt drehe dich um. Wahrscheinlich blickst du auf Steine, die zu Begrenzungsmauern aufgeschichtet sind, aus denen Häuser gebaut wurden oder die wie blanke Knöchel aus struppigen Feldern herausragen. Mit ziemlicher Sicherheit regnet es, aber du bist auf der richtigen Spur. Besonders, wenn du eine Kneipe wie das Cross Inn auf der windzerzausten Insel Lewis betrittst. Hier bist du auf den schottischen Äußeren Hebriden. Wenn du Glück hast, hörst du einen Dudelsack oder eine Fiedel. Und wenn du richtig Glück hast, dringt ein ungewohnter Klang an deine Ohren: Keltisch.
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Das Gespräch läuft vielleicht so: "Hallo, Norman, wie geht's deiner Mutter?" - "Wunderbar, sie besucht ihre Enkel und pflanzt Blumen im Garten." Doch die Worte kommen rhythmisch und klingen kehlig, ganz anders als der vergleichsweise weiche Klang des Deutschen. Sie werden hinten im Hals gebildet. Wenn man die Männer in der Kneipe als Comicfiguren mit Sprechblasen darstellte, würde darin stehen: "Hallo, a Thormoid. Ciamar a tha do mhàthair?" - "Gu dòigheil. Tha i a' coimhead air a h-ogh-aichean agus a' cur flùraichean anns a' ghàr-radh." Die Gäste des Cross Inn sprechen schottisches Gälisch. Für sie ist das nichts Besonderes, sondern die erste Sprache, die sie daheim lernten. Aber für mich, der seit langem von seinen irischen Wurzeln fasziniert ist und endlich wissen will, ob uns eine gemeinsame keltische Identität verbindet, ist es wie der Einblick in eine Geheimgesellschaft. Es hat etwas Aufregendes, ja Subversives an sich, im Land von Shakespeare eine alte keltische Sprache zu hören.
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Weder die Queen noch der Premierminister hätten auch nur den leisesten Schimmer, worüber diese Leute auf Lewis sprechen. Als sie merken, dass ich ihnen lausche, wechseln sie ins Englische. "Man hat uns beigebracht, dass es unhöflich ist, vor Fremden in unserer Sprache zu sprechen", sagt der Schriftsteller Norman Campbell, der Romane und Gedichte in schottischem Gälisch schreibt. Ich gebe eine Runde aus, das lockert die Zungen. Die Männer erzählen, wie die Schüler noch zu Zeiten ihrer Eltern von den Lehrern mit dem Riemen gezüchtigt wurden, wenn sie Gälisch sprachen. Heute sei das anders, die Regierung fördere die alte Sprache sogar. Irgendwann stößt Campbells Bruder Alasdair zu uns und beginnt zu singen. Das Lied heißt "Gealach Abachaidh an Eòrna" - "Der Mond, bei dem die Gerste reift". Es klinge traurig, werfe ich ein. "Wohl wahr", stimmt Alasdair zu. "Dieser Mond ist riesig und sehr gelb. Es zerreißt dir das Herz."
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Das sind die typischen Merkmale der keltischen Kultur: die Liebe zur alten Sprache und zum Gesang, eine bittersüße Sentimentalität und das Gefühl, historisch zu den Verlierern zu gehören. Weniger offensichtlich ist, wie diese Minderheitskultur in einer sich schnell angleichenden Welt überleben konnte und sogar gedeiht. In den meisten keltischen Regionen haben die Behörden als Zeichen der Wertschätzung ihrer ursprünglichen Sprachen zweisprachige Ortsschilder aufgestellt. Allerdings übermalen Kelten regelmäßig die englischen oder französischen Namen, um ihre Forderung nach Unabhängigkeit zu unterstreichen. Immer wieder stößt man deshalb irgendwo im abgelegenen Nordwesten Irlands oder in Cornwall auf Touristen, die verwirrt aus ihren Fahrzeugen ausgestiegen sind, in ihren Händen eine nutzlos gewordene Landkarte. In Wales ist man gezwungen, sich einige Ausspracheregeln anzueignen. Wie sollte man sonst den Weg nach Machynlleth oder Llanfairfechan erfragen?
Auch heute noch locken prähistorische Stätten wie Steinkreise oder verfallene Festungen Anhänger keltischer Riten. Können Sie die Faszination und Anziehungskraft, die Magie, die solchen Orten nachgesagt wird nachvollziehen? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
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