Bedrohte Refugien

Artikel vom 01.10.2006  —  Autor: John G. Mitchell  —  Bilder: Michael Melford

In einer Zeit der Vergänglichkeit alter Werte und Institutionen ist es beruhigend zu wissen, dass die Schaffung der Nationalparks immer noch die beste Idee ist, die Amerika je hatte. Das sagte der britische Diplomat James Bryce im Jahre 1912. Damals gab es in den USA nur eine Hand voll Parks. Eine Bundesbehörde für ihre Pflege wurde erst vier Jahre später gegründet. Wie doch die Zeit vergeht: In nur einem Jahrzehnt wird der Champagner zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Nationalparkverwaltung sprudeln. So wie die Dinge zur Zeit laufen, steht zu hoffen, dass dann noch genug von den einstigen Standards übrig sein werden, um die Trinksprüche auch zu rechtfertigen. Die Parkverwaltung und das ihr unterstellte System haben sich seit 1916 erheblich verändert: Aus 14 Parks, 21 National Monuments (Naturdenkmälern) und einem Reservat mit einem Gesamtumfang von rund 2,5 Millionen Hektar sind nun 390 Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von fast 34 Millionen Hektar geworden.

Sie verteilen sich auf 49 Bundesstaaten, den eigenständigen District of Columbia, der aus der Hauptstadt Washington besteht, sowie auf Inseln im Pazifik und in der Karibik. Statt einiger weniger Ranger gibt es heute 20 000 Vollzeitmitarbeiter, die jährliche Besucherzahl hat sich von 350 000 auf fast 300 Millionen ungefähr vertausendfacht.

Auch ich habe mich innerhalb des halben Jahrhunderts, in dem ich die Nationalparks gelegentlich besucht und kritisch beobachtet habe, verändert. Meine Erinnerungen sind voller Bilder, Geräusche und Düfte aus den Parks von Yosemite, den Everglades, Acadia und Olympic. Ich habe auch kostbare Erinnerungen an Orte, die bei meiner ersten Begegnung mit ihnen noch ungeschützt waren. Ich denke an das entlegene Mineral-King-Tal zu Füßen der Bergkette Great Western Divide in der High Sierra: Im Morgengrauen enthüllte der aufsteigende Nebel ein Rudel Hirsche, das 20 Meter von meinem Schlafsack entfernt äste. Der Disney-Konzern wollte dort ein Skihotel errichten. Doch dann wurde das Tal Teil des Sequoia-Nationalparks.

Ich denke an die Festung Battery Weed aus dem 19. Jahrhundert. Sie wacht über die Meerenge des New Yorker Hafens, wenige Minuten von meinem Haus entfernt. Die Granitfestung war vernachlässigt, ihr Einsturz schien unvermeidbar. Doch die Parkverwaltung sicherte Battery Weed nach und nach und verwandelte sie in ein Schmuckstück der Gateway National Recreation Area. In noch älteren Erinnerungen sehe ich die Brandung auf dem weißen Sand des Nauset Beach - heute Cape Cod National Seashore in Massachusetts - und Sonnenlicht auf einem uralten Lavastrom in der Nähe des Örtchens Grants in New Mexico, im vulkanischen El Malpais National Monument. Jetzt aber muss man fürchten, dass die amerikanischen Nationalparks so schwer bedroht sind wie nie zuvor in ihrer beinahe hundertjährigen Geschichte. Klagen darüber, dass die Parkverwaltungen zu wenig Geld für den Unterhalt haben, und dass zu viele Besucher "die Parks zu Tode lieben", sind normal. Das ist zwar ein Problem, aber es ist nicht neu. Geldmangel herrscht seit vielen Jahrzehnten und unter vielen Regierungen. Am schlimmsten aber ist die Atmosphäre verdeckter Feindseligkeit, die in den letzten fünf Jahren von politisch besonders motivierten Amtsträgern auf höchster Ebene geschaffen worden ist. In diesen fünf Jahren seit 2001 habe ich die Parkverwaltung und das System immer wieder unter die Lupe genommen. Ich habe mit Direktoren, Parkleitern und Rangern sowie Experten der Öffentlichkeitsarbeit gesprochen. Manche meiner Interviewpartner sind inzwischen in Pension gegangen. Einige haben lieber den Vorruhestand gewählt, statt der Parteilinie zu folgen und sich hinter gefrorenem Lächeln auf die Zunge zu beißen.

Sie haben stattdessen eine "Koalition der Pensionäre der Nationalparkverwaltung" gegründet. Zu ihren mehr als 500 Mitgliedern zählen fünf ehemalige Direktoren, 26 Regionaldirektoren und 130 Parkleiter oder deren jeweilige Stellvertreter. "Wir verlieren allmählich einige unserer besten Leute", sagte mir ein Ranger im Yosemite-Tal. Die Besucher der Parks merken davon nichts. Trotz aller Erosion der Arbeitsmoral innerhalb der Behörde, trotz des Rückstands bei Pflege und Reparaturen und trotz der Kürzungen bei den Informationsveranstaltungen sind die Nationalparks immer noch beeindruckend.

Mit Geduld und Fernglas lassen sich im Yellowstone-Nationalpark Wölfe und Bisons beobachten. Bei genug Regen wird der Bridalveil-Wasserfall im Yosemite-Park seine Betrachter noch auf Jahre hinaus verzaubern. Unberührter Lebensraum. Wildnis. Die Stille der Abgeschiedenheit. Aber müssen wir uns nicht fragen, ob wir das Beste davon demnächst verlieren werden?

Die Ranger in den Parks haben heute mehr mit der Regulierung des Verkehrs und der Besucherströme zu tun als mit der Pflege und dem Schutz der Natur. Sollten die Schwerpunkte nicht woanders liegen? Welche Maßnahmen könnten ergriffen werden, um diese Entwicklung zu stoppen? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 10 / 2006)
Extras

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