Das Drama vom Hindukusch

Artikel vom 01.09.2006  —  Autor: Wolfgang Bauer  —  Bilder: Christoph Pueschner

Das Fleisch der Toten, das zu Staub wurde, brennt auf der Haut. Es klebt in den Augen. Mit jedem Atemzug weht es durch die Zähne, der Wind bläst es in den Rachen, in die Lunge, tief hinunter, wo es sticht, wenn Abdul Qahar* es hinaufzuwürgen versucht. Wenn er spuckend und röchelnd in der Grube kniet und die Ahnen verflucht, in deren Staub er wühlt. Schaufel für Schaufel hat er in den Wind geschlagen, in rauchigen Fahnen weht der Sand übers Land. "Es ist Gift darin", sagt er. Mit zerrissenen Fingernägeln durchkämmt er den Dreck. Eine Scherbe bleibt zwischen seinen Fingern hängen. Achtlos wirft er sie über den Grubenrand, wo Scherben den Boden bedecken wie Pflastersteine, prachtvoll bemalt in allen Farben, mit rätselhaften Schriftzügen und Symbolen. Immer tiefer gräbt Qahar, ausdauernd, ein Mann mit klugen blauen Augen, der weiß, was er tut. Der inständig hofft, dass er endlich erlöst wird von den Toten.

Es gibt Männer hier draußen im Norden von Afghanistan, die beim Graben unentwegt plappern und sich verdorbene Witze erzählen. Nicht Qahar. Seine Stirn trägt tiefe Furchen, die versetzt zueinander stehen wie die Fugen einer Ziegelmauer. Er redet nicht viel. Arbeitet im immer gleichen Rhythmus wie einer, der ein Pensum zu erfüllen hat. Es mögen Hunderte Gruben sein, die er zusammen mit seinem Sohn und seinem Cousin Zakir ausgehoben hat. Die ganze Ebene haben die Bewohner dreier Nachbardörfer, 100 bis 150 Männer, Jugendliche und Kinder, aufgestemmt. Trichter liegt neben Trichter, eng wie Wespenwaben. Und Qahars Nachbarn arbeiten nur am Rand des eigentlichen Gräberfelds, das sich weit hinauf in den Norden erstreckt. Über Dutzende Kilometer ist das Land perforiert. Aus der Luft wirkt es wie aufgeplatzt.

In Afghanistans wichtigsten Minen wird kein Eisen oder Lapislazuli gefördert, weder Kohle noch Silber. Der wirtschaftlich bedeutendste Bodenschatz dieses Landes am Hindukusch ist seine Vergangenheit: Städte der Antike, Tempel und Nekropolen, Statuen, Münzen und Inschriften. Die Warlords der Mudschaheddin entdeckten den Rohstoff als Erste und füllten ihre Kriegskassen damit. Nach dem Sturz der Taliban verbreitete sich das Plündern und Raubgraben übers ganze Land. Schätzungen zufolge übersteigen die Gewinne durch Antikenschmuggel in Afghanistan mittlerweile die des Drogenhandels: jedes Jahr 32 Milliarden Dollar, nehmen lokale Experten der Unesco an.

Das mag zu hoch gegriffen sein, aber niemand hat die Übersicht. Niemand weiß, an wie vielen Orten gegraben wird. Zehntausende suchen ihr Glück in alten Siedlungsschichten, manche intensiv, andere beiläufig. Ein verarmtes Land verkauft seine Herkunft, und die Welt verliert ein zentrales Kapitel ihrer Geschichte. "In fünf Jahren", schätzt Roland Besenval, der Direktor des französischen archäologischen Instituts in Kabul, "sind die wichtigsten Informationen über die Vergangenheit Afghanistans vernichtet."

Diese Reportage, die uns sechs Wochen quer durchs Land führte, mit Fahrer, Übersetzer und manchmal auch einer Leibgarde, beschreibt den größten Raubzug und eine der schlimmsten Kulturkatastrophen unserer Zeit.

*Die Namen der Raubgräber wurden geändert, um das Leben der Männer nicht zu gefährden.

Afghanistan verkauft seine Kultur. Archäologen schätzen, dass die wichtigsten Informationen über die Geschichte des Landes in einem halben Jahrzehnt verloren sein werden. Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um diese Entwicklung zu stoppen? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 9 / 2006)
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