Das elegante Großmaul

Artikel vom 01.10.2006  —  Autor: Mel White  —  Bilder: Klaus Nigge

Sollen wir den jungen Nashornpelikan bedauern? Das hässliche Entlein im Märchen mauserte sich immerhin zu einem schönen Schwan, der kleine Pelikan dagegen muss sich auf eine Zukunft … nun ja, als erwachsener Pelikan einstellen. Ob das eine Verbesserung ist? Mit welchen Worten wurde er nicht schon beschrieben, seit der amerikanische Naturforscher James Audubon ihn uns im 19. Jahrhundert vorstellte: schwerfällig, ungeschickt, plump, grotesk, einfach lächerlich. Selbst die Neuausgabe der Buchreihe "The Birds of North America" lässt ihre Nüchternheit beiseite und bezeichnet den Pelikan als "komisch". Also gut: Ein Schwan mit grazilem Bogenhals und prachtvoller Performance ist der Pelikan nicht. Er ist stämmig. Er ist dicklich. Er hat die großen Füße eines Clowns und einen Schnabel wie eine Schaufel. Und wenn er sexuell erregt ist, wird er ganz rot im Gesicht, und auf der Nase wächst ihm eine riesige Warze.

Doch dann ist der Nashornpelikan in den Beschreibungen der Vogelbücher - oft innerhalb desselben Absatzes - auf einmal majestätisch, großartig, elegant und wahrhaft schön. Wie das? Ganz einfach: Der plumpe Vogel ist aufgestanden, ein paar Schritte vorwärts gewatschelt, hat die Flügel ausgebreitet und ist abgehoben. Und in nicht einmal zehn Sekunden ist aus der Raupe ein Schmetterling geworden.

Während Pelikane auf den Wellen wie Spielzeugboote schwanken, sind sie in der Luft wie verwandelt. Trotz ihrer Größe steigen sie erstaunlich schnell in die Höhe; ihre gespreizten Handschwingen spüren nach allen Luftströmungen und Aufwinden, die ihnen helfen, Höhe zu gewinnen. Dann vereinigen sich Dutzende der Vögel zu einem Ballett in der Luft. Ein Flugzeugingenieur würde wohl sagen: Bei ihrer Flügelspannweite von 2,70 Metern und einem Gewicht von sieben bis acht Kilo haben sie eine geringe wing load (Tragflächenbelastung). Wer technisch weniger vorbelastet ist und die im Sonnenlicht kreisenden Vögel beobachtet, kommentiert das Bild vielleicht eher mit einem schlichten "Wahnsinn". Falls er es nicht vorzieht, mit offenem Mund stumm zu staunen.

Wie eigentlich alles in der Natur ist auch die Schönheit der Pelikane nur eine Folge ihrer Funktionalität. Siebzig Kilo Fisch brauchen die Eltern, um ein Junges großzuziehen, und die Nahrung ist unter Umständen mehr als 160 Kilometer von der Brutkolonie entfernt. Der erzwungene Pendelverkehr wird einfacher, wenn man energiesparend schweben kann, statt ständig mit den Flügeln schlagen zu müssen. Fast alle Nashornpelikane wandern zwischen ihren Nistgebieten, die vom Mittleren Westen der USA bis hinauf nach Kanada reichen, und ihren Winterquartieren am Golf von Mexiko und in Kalifornien hin und her. Oft tun sie sich zu Schwärmen zusammen und reisen gemeinsam entlang der großen Flüsse Mississippi, Missouri, Arkansas und Red River. Schon mehr als ein Farmer in Oklahoma oder ein Büroangestellter in Kansas City schrak zusammen, wenn plötzlich wie aus dem Nichts mehr als 200 dieser riesigen weißen Vögel erschienen und über seinem Kopf kreisten.

Früher wurden Nashornpelikane häufig von Anglern geschossen, die in ihnen Konkurrenten sahen. Der Staat ließ Nistkolonien zerstören, weil man glaubte, die Pelikane seien eine Bedrohung für die Sportfischerei. Dann stellte sich heraus, dass die Pelikane vorwiegend Fischarten fangen, an denen Angler gar nicht interessiert sind. Die Art wurde besser geschützt, und seit den sechziger Jahren steigt ihre Zahl kontinuierlich an. Trotzdem gibt es immer wieder Rückschläge. Die Jungvögel sind anscheinend anfällig für das West-Nil-Virus. In einigen Kolonien von Nashornpelikanen gab es deshalb schon mal, wie im Jahr 2003, keine überlebenden Nestlinge. Im Wildtierreservat Chase Lake in North Dakota, wo bis vor kurzem der größte Bestand von Nashornpelikanen in der USA lebte, ließen im Jahr 2004 die Eltern aus bisher ungeklärten Gründen ihre Eier und die frisch geschlüpften Jungen im Stich.

Und im Jahr 2005 kam es zu einem Massensterben unter Jungvögeln, die noch nicht flügge waren. Ein Grund dafür, so spekulieren die Biologen, könnte die anhaltend kalte Witterung gewesen sein. So kamen 2004/2005 anstelle der zu erwartenden 15 000 Pelikane nur einige hundert Tiere zum Bestand hinzu.

Die Gattung Pelecanus existiert schon seit rund 20 Millionen Jahren fast in ihrer heutigen Erscheinung. Denken Sie, dass heute genug für den Schutz dieses Flugkünstlers getan wird? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 10 / 2006)
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