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Rodolphe Kassers Hände zittern leicht, als er nach dem antiken Manuskript greift, denn er leidet an der Parkinsonschen Krankheit. Aber mit kräftiger und klarer Stimme beginnt er vorzulesen: "Pe-diakônos ente planê". Bei diesen eigentümlichen Worten handelt es sich um Koptisch: die Sprache, die in Ägypten gesprochen wurde, als sich das Christentum auszubreiten begann. Die frühe Kirche hatte das Dokument mit einem Bann belegt, und seither hat niemand mehr diese Passage zu hören bekommen. Irgendwie war diese Schrift erhalten geblieben, versteckt in der ägyptischen Wüste, bevor sie jemand im späten 20. Jahrhundert entdeckte. Bald verschwand sie wieder, diesmal in der Halbwelt von Antiquitätenhändlern. Einer ließ sie 16 Jahre lang in einem Bankschließfach liegen. Als das antike Werk in Kassers Hände kam, zerfiel es bereits.
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Fast wäre seine Botschaft für immer verloren gewesen. Der 78-jährige Gelehrte aus Genf ist einer der führenden Experten für die koptische Sprache. Als er mit dem Vorlesen fertig ist, legt er die Seite vorsichtig wieder auf den Tisch. "Ist das nicht eine wunderschöne Sprache? Ägyptisch, geschrieben in griechischen Buchstaben. Sehen Sie hier: In dieser Passage erklärt Jesus seinen Jüngern, dass sie auf dem falschen Weg sind." Kasser lächelt. Er ist nach wie vor hingerissen von diesem Text, und das ist kein Wunder. Die erste Zeile lautet: "Der geheime Bericht der Offenbarung, die Jesus im Gespräch mit Judas Iskarioth verkündete." Nach fast 2000 Jahren erscheint die meistgehasste Figur der christlichen Geschichte in neuem, überraschendem Licht.
Wir alle kennen die Geschichte von Judas, dem Jünger Jesu, der ihn für 30 Silberlinge an die Römer verriet und die Häscher auf ihn hinwies - "Welchen ich küssen werde, der ist's; den ergreift und führt ihn sicher ab." -, den Schuldgefühle in den Wahnsinn trieben und der sich später erhängte. Sein Name steht für das Böse schlechthin. In Schlachthöfen nennt man die Ziege, die andere Tiere zum Schlachten führt, die Judasziege. Fremdenführer in der El-Moallaka-Kirche in der Altstadt von Kairo zeigen auf die einzige schwarze unter den sonst weißen Säulen: ein Symbol für Judas. Ohne ihn hätte sich das Christentum anders entwickelt. Die traditionellen Darstellungen des Judas haben einen düsteren Hintergrund. Als sich das Christentum von seinen Ursprüngen als jüdische Sekte löste, warfen christliche Denker den Juden immer öfter vor, ihr Volk sei Schuld an der Festnahme und Hinrichtung Jesu.
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Judas war für sie der typische Jude. Der jetzt an die Öffentlichkeit gekommene "geheime Bericht" zeichnet ein ganz anderes Bild. Darin ist Judas ein Held. Im Gegensatz zu den übrigen Jüngern versteht nur er wirklich die Botschaft Christi, und als er Jesus den Behörden ausliefert, erfüllt er damit dessen eigentliches Begehren. Auch ist er sich sehr wohl bewusst, welches Schicksal ihn erwartet. "Du wirst verflucht werden", hatte ihn Jesus gewarnt. Judas, der Gute. Ein Held? Kann das sein, oder handelt es sich um eine Fälschung, wie so oft bei angeblich biblischen Werken?
Ist die Kirche jetzt in Erklärungsnot? Wird es ihr gelingen, die neue Heldenrolle des Apostel Judas in ihr christliches Weltbild zu integrieren? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
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