Das Reich der Fußballweltmeisterschaft ist es, in dem ich am liebsten immer leben würde. Ich kann dem Prunk und der zur Schau getragenen edlen Gesinnung einfach nicht widerstehen. Nationale Charakteristika werden völlig apolitisch und stolz vorgezeigt, menschliche Schwächen offen gelegt und unerwartete Großtaten gefeiert. Ich liebe es, wenn ganze Länder Urlaub nehmen oder nachts um drei aufstehen, um zuzusehen, wie 22 Männer einen Ball herumkicken. Es gibt Länder mit wahrhaft internationalen Kadern und andere Mannschaften, die nur aus Blondschöpfen bestehen oder rein asiatisch oder lateinamerikanisch sind.
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Kleine Kinder laufen Hand in Hand mit den Spielern aufs Feld, wo die Nationalhymnen erklingen. Gestandene Männer bemalen sich in ihren Nationalfarben und weinen hemmungslos, wenn ihre Mannschaft verliert. Meine persönliche Zeitrechnung wird durch Weltmeisterschaften definiert. Bei meiner ersten WM im Jahr 1990 war ich für Kamerun. Dort spielte Roger Milla, ein alter Mann, der nur rannte, wenn es unbedingt nötig war. Er musste auch nicht rennen. Er war so gerissen und elegant, dass er auch in gemächlichem Tempo selbst solche Abwehrspieler austrickste, die seine Kinder hätten sein können. Als Kamerun im Viertelfinale ausschied, lief ich zu Italien über. Der Enthusiasmus der Italiener riss mich einfach mit. Als die Azzurri das Halbfinale erreichten, sprangen junge Männer in die Kanäle von Venedig, um ihren Triumph zu feiern. Im Halbfinale unterlag Italien den Argentiniern; man munkelte, da sei Betrug im Spiel gewesen.
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Die nächste Fußball-WM fand in den USA statt. Die ganze Welt blickte auf Amerika, und Amerika merkte es gar nicht. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 wechselte ich zu England. Ich sah, wie ein junger David Beckham einen wunderbaren Freistoß direkt verwandelte und danach einen Platzverweis kassierte, weil er nach einem Argentinier trat, als der Schiedsrichter schon gepfiffen hatte. Ich war bekehrt. Aber erst bei der Weltmeisterschaft 2002, die von Japan und Südkorea gemeinsam ausgerichtet wurde, fügte sich alles zu einem großen Bild zusammen. Ich teilte meine Loyalität zwischen Japan, Südkorea, England und der Türkei auf. Die japanischen Spieler hatten die coolsten Frisuren, einer trug beim Spielen eine Sonnenbrille, und ein anderer verspottete die gegnerischen Mannschaften. Auf Italienisch! England war gefährlich und diszipliniert und hatte unglaubliches Pech. Südkorea demütigte Italien. Die Türken waren Rabauken und foulten unverschämt, was ihre Spiele zu echten Erlebnissen machte. Natürlich gewannen die Brasilianer. Im Finale trafen sie auf Deutschland, aber das beste Spiel des ganzen Turniers war ihr Sieg über England durch ein wunderschönes Tor von Ronaldinho.
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Die religiöse Dimension des Fußballs wird besonders in WM-Jahren deutlich. Mannschaften aus aller Welt fallen im Gastgeberland ein, als führten sie einen unbewaffneten, sportlichen Kreuzzug. Und wie bei den Kreuzzügen wehrt sie das Gastgeberland regelmäßig ab. Der Heimvorteil ist eine seltsame Macht, die man nicht unterschätzen darf. Gastgeber haben oft viel mehr Erfolg, als es ihre Leistungen auf dem Papier erwarten lassen. Sie triumphieren über stärkere Teams, als übten sie eine Gravitationskraft auf das Spiel aus, durch die es dann auf ihre Art gespielt wird. Als wäre - um diese Metapher ihrer unvermeidlichen Schlussfolgerung zuzuführen - Gott auf ihrer Seite. Bei solchen unerwarteten Heldentaten macht das Zuschauen besonders viel Spaß - vor allem für den unbeteiligten Amateur. König Fußball wird auch dieses Jahr in Deutschland wieder grenzenlos unfair, großartig und verbindend sein. Und in den 90 Minuten zwischen Anpfiff und Abpfiff wird alles auf den Schultern junger Männer mit überentwickeltem Quadrizeps und ausgeprägtem Stolz ausgetragen werden. Vielleicht erhält auch diesmal ein zweiter Roger Milla, ein gelassener, altersweiser Spieler eine Chance. Ich empfinde großes Glück bei dem Gedanken, dass ich einer der Milliarde Menschen bin, die dabei sein werden.
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