Der lange Schatten von Tschernobyl

Artikel vom 01.04.2006  —  Autor: Richard Stone  —  Bilder: Gerd Ludwig

Auf dem Fußboden eines verlassenen Kindergartens liegen verstreut Habseligkeiten aus der Zeit, als die Kinder von Pripjat noch fröhlich spielten: Sandalen, Ballettschühchen, Sammelbilder von Lenin als Junge und jugendlichem Anführer. Im nächsten Raum liegen noch Puppen auf Metallbettchen, in denen die Kleinen einst Mittagschlaf hielten. An der Wand der Turnhalle hängen verblichene Fotos von ihnen: bei der Gymnastik, an Klettergerüsten, auf dem Schwebebalken. Bilder aus glücklichen Tagen. Bilder, die wehtun.

Vor 20 Jahren kam das Leben in Pripjat zu einem jähen Ende. Am frühen Morgen des 26. April 1986 explodierte drei Kilometer südlich der damals von 50 000 Menschen bewohnten Stadt der Reaktorblock IV des Atomkraftwerks Tschernobyl. 30 Menschen kamen an Ort und Stelle durch das Feuer und die tödliche Strahlung ums Leben. Die zerstörte Ruine brannte zehn Tage lang. 142 000 Quadratkilometer in der nördlichen Ukraine , im südlichen Weißrussland und in der russischen Brjansk-Region wurden radioaktiv verseucht. Es war der schlimmste atomare Unfall, den die Welt je erlebt hat. Er vertrieb rund 300 000 Menschen aus ihren Häusern und löste bei Kindern eine große Häufung von Schilddrüsenkrebs aus. Die wirtschaftlichen Verluste - Gesundheits- und Aufräumkosten, Entschädigungszahlungen, Produktivitätsverlust - sind seither auf Hunderte von Milliarden Euro angestiegen. Was nach der Katastrophe alles ans Licht kam, die Stümpereien und die Vertuschungsversuche, beschleunigten nicht zuletzt den Zerfall der Sowjetunion.

Die hochradioaktiven Überreste von Reaktorblock IV schwelen nach wie vor unter dem so genannten Sarkophag, einer brüchigen Konstruktion aus Stahl und Beton, die nach dem Unfall hastig errichtet wurde. Da sie zusammenzubrechen droht, sollen in Kürze Bauarbeiten für einen Ersatz beginnen: eine gewölbte Halle von der Größe eines Stadions, die über den Sarkophag gestülpt wird und ihn versiegeln soll. Nach der Fertigstellung wird der havarierte Reaktorblock aus den Augen sein. Aber die Menschen der Region werden ihn nie aus dem Sinn verlieren. Denn die schleichende Katastrophe nach 1986 hält bis heute an. Schätzungen, dass Zehn- oder Hunderttausende Menschen durch Tschernobyl sterben würden, sind oft angezweifelt worden. Doch das Ausmaß der gesundheitlichen Schäden wird immer deutlicher. 2005 legte das Tschernobylforum, dem Experten der Internationalen Atomenergiebehörde, der Weltgesundheitsorganisation und anderer UN-Organisationen angehören, einen Bericht vor.

Darin wird geschätzt, dass von den Millionen Menschen, die der radioaktiven Wolke ausgesetzt waren, fast 4000 an Leukämie oder anderen durch Strahlung verursachten Krebsarten sterben werden. Alexej Okeanow von der Internationalen Ökologischen Sacharow-Universität in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, der sich mit den Folgen der Katastrophe für die Menschen beschäftigt, sagt: "Dies ist ein Feuer, das zu unseren Lebzeiten nicht gelöscht werden kann." Das heimtückischste Vermächtnis von Tschernobyl dürften die psychischen Wunden sein.

Was bedeutet es zu wissen, in einem verstrahlten Haus gewohnt zu haben? Sich klar zu machen, auf kontaminiertem Boden zu leben? "Die psychischen Auswirkungen sind verheerend", sagt Michail Malko, ein Arzt aus Minsk. "Viele Frauen befürchten, kranke Babys zur Welt zu bringen - und Kinder, die keine Zukunft haben. Viele Menschen haben noch immer Angst, durch Tschernobyl zu sterben."

Atomgegner haben die Angst der Menschen auf ihrer Seite. Argumente der Befürworter bauen auf die ungenügende Effizienz der Alternativen. Scheint Ihnen ein gewisses Restrisiko angesichts der möglichen Folgen akzeptabel und gerechtfertigt? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 4 / 2006)
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