Dies ist die Geschichte einer sehr ungewöhnlichen Landkarte, die tief in den Falten eines ägyptischen Papyrus verborgen war: die womöglich älteste Darstellung Westeuropas, ein unschätzbar wertvolles Dokument. Es ist dem Zufall zu verdanken, dass sie erhalten blieb, und inzwischen können wir die lange Reise nachvollziehen, die sie in den vergangenen zwei Jahrtausenden zurücklegte: von Afrika nach Europa, von Deutschland nach Italien, wo sie sich heute befindet. Forschern zufolge handelt es sich bei diesem etwa zweieinhalb Meter langen und 33 Zentimeter breiten Fund um eine Luxusausgabe des zweiten Buchs der "Geographie" von Artemidorus von Ephesus.
Bild: Lawrence Manning/Corbis Vergrößern
Es wurde Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in altgriechischer Sprache verfasst und einige Zeit später in Alexandria kopiert. Dieser Papyrus ist von größter Bedeutung, da er eine Verbindung zwischen der römischen und griechisch-hellenistischen Kartografie herstellt und überdies eine - allerdings unvollständige - Landkarte des antiken Iberien enthält. Fragen wirft weniger der Inhalt des Dokuments auf: ein Text, eine Karte und mehrere Zeichnungen. Dies alles konnte ein Team italienischer und deutscher Papyrusforscher in mehrjähriger Arbeit weitgehend enträtseln. Sonderbar ist vielmehr der Umstand, dass der Papyrus nie vollendet wurde. Verlor die Person, die ihn in Auftrag gegeben hatte, das Interesse an dem Werk? Wurde der Autor darin behindert, seine Arbeit zu Ende zu führen? Nachdem der Papyrus seinen ursprünglichen Zweck verloren hatte, begann jedenfalls eine Odyssee, die ihn durch Ägypten und später durch halb Europa führte.
Bild: Mit freundlicher Genehmigung der Universität Mailand und der Fondazione Per L'Arte della Compagnia di San Paolo Vergrößern
Die faszinierende Reise nahm ihren Ausgang in Ephesus, in der Antike eine wohlhabende Stadt an der Ägäisküste Kleinasiens. Dort lebte gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. der Grieche Artemidorus, ein Geograph, dessen Erkundungen ihn nach Ägypten und in viele Länder rund um das Mittelmeer führten, im Westen bis zum heutigen Cabo de São Vicente an der portugiesischen Atlantikküste. Auf Basis seiner Beobachtungen verfasste er eine Beschreibung der damals bekannten Welt ("Geographoumena"), insgesamt elf Bücher. Allerdings wissen wir von seinem Schaffen nur, weil spätere Autoren wie Strabon und Plinius der Ältere, Herodian, Stephanus von Byzanz und Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos es erwähnten. Irgendwann kam Artemidorus auch nach Alexandria. Wahrscheinlich lockte ihn der Ruf dieses kulturellen Zentrums des Hellenismus, das in geographisch günstiger Lage an der Mittelmeerküste Ägyptens lag und eine Bibliothek hatte, die ihresgleichen suchte. Ein Hort von Gelehrten aus vielen Ländern, Wissenschaftlern und ihren Schülern. Offenbar wurde Artemidorus' Werk bekannt und erweckte irgendwann später auch das Interesse einer einflussreichen Persönlichkeit, die in einer Werkstatt eine Kopie für den persönlichen Gebrauch anfertigen ließ.
  Vergrößern
Auf der Vorderseite des Papyrus wurde mit schwarzer Tinte in griechischen Buchstaben der Beginn von Artemidorus' zweitem Buch kopiert. Der Text beginnt mit einer umfänglichen Erklärung der methodologischen Grundsätze. Darin beschreibt der Autor die Geographie als eine Disziplin, die eine der Philosophie ebenbürtige Berechtigung hat: "Die Geographie ist eine schweigende stille Wissenschaft, während die Philosophie durch ihre eigenen Theoreme spricht." Der Beruf des Geographen sei der eines unermüdlichen Forschers, "der seine Aufgabe bewältigt, so wie Atlas seine Last trägt".
Damit nicht genug: Irgendjemand zeichnete, was heute als die älteste bekannte Landkarte aus der griechisch-römischen Antike gilt - möglicherweise eine Karte von Westeuropa und eine Kopie der beiden Karten Iberiens, die zu dem ursprünglichen Werk gehörten und Artemidorus' Text illustrierten. "Von den Pyrenäen bis in die Nähe von Gades [heute Cádiz] wird das gesamte Land synonym Iberia oder Hispania genannt", heißt es darin. "Die Römer haben es in zwei Provinzen geteilt. Die erste umfasst das Gebiet, das sich von den Bergen der Pyrenäen bis Carthago Nova [Cartagena] und Castulo und zu den Quellen des Flusses Baetis [Guadalquivir] erstreckt, zur zweiten gehören die Gebiete bis Gades und die gesamte Lusitania."
"Dies ist eine wissenschaftlich ernst zu nehmende Karte", stellt der Forscher Claudio Gallazzi aus Mailand fest. "Sie gibt einen Ausschnitt des geographischen Weltbilds jener Zeit wieder." Möglicherweise ist sie ein Vorläufer der berühmten "Tabula Peutingeriana", einer mehrmals aktualisierten Weltkarte aus dem 4. Jahrhundert, die das Straßennetz des spätrömischen Reichs von den Britischen Inseln bis nach Indien und Sri Lanka zeigt. Das einzige erhaltene Exemplar, eine Kopie aus dem 13. Jahrhundert, liegt in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien.
Die Forscher stecken sehr viel Energie in die Entschlüsselung der Karte des Artemidorus. Lohnt sich dieser Aufwand? Was meinen Sie? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus