Der Traum der Kurden

Artikel vom 01.02.2006  —  Autor: Frank Viviano  —  Bilder: Ed Kashi

Unser Todesurteil erreicht uns per Telefon. An einem brennend heißen Dienstagmorgen in Kirkuk. Der Fotograf Ed Kashi und ich kommen gerade aus Arbil, der 80 Kilometer entfernten Hauptstadt der kurdischen autonomen Region. Zwei Mitarbeiter der Northern Oil Company führen uns auf die Kuppe eines niedrigen Hügels. Die Sonne scheint fahl durch den dichten Dunst aus Staub und Raffinerieabgasen. Aus Tümpeln mit öligem Wasser steigen Fliegenschwärme hoch. Plötzlich klingeln genau gleichzeitig die Handys unserer Begleiter. Während die beiden schweigend lauschen, erstarren ihre Mienen. Unsere Blicke begegnen sich nur kurz, dann springt einer der beiden wortlos mit zwei Leibwächtern in seinen Pick-up und rast davon. Der andere bringt uns immerhin noch zum Tor. "Eine Terrorgruppe hat sie als ausländische Journalisten identifiziert", sagt er. "Ihre Kämpfer beobachten uns. Sie drohen, uns zu töten. Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden." Verlegen wendet er den Kopf ab. "Bitte verstehen Sie, ich habe Familie." Dann macht auch er sich mit den anderen Leibwächtern davon. In der quälend langen halben Stunde, die folgt, prescht unser verängstigter Fahrer in halsbrecherischem Tempo durch Kirkuk.

Einen Kilometer vor dem Kontrollposten, wo kurdische Soldaten die Straße nach Norden bewachen, müssen wir halten. Stau. In den Autos um uns herum sitzen bärtige junge Männer. So stellt man sich doch Terroristen vor, oder? Paranoia? Nicht einmal 24 Stunden später wird sich in dieser Straße, nur 300 Meter entfernt, ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengen. Deutlicher kann einem nicht vor Augen geführt werden, was die nordirakischen Kurden sehen, wenn sie nach Süden blicken: ein Land, in dem das Blut in Strömen fließt. Oberhalb der Stadt Suleimanija lerne ich in einem Park die 13-jährige Miwan Madschid kennen, die dort zusammen mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester einen Abendspaziergang macht. Im Norden und Osten ragen die zerklüfteten Grate des Zagrosgebirges auf, das die Grenze des irakischen Kurdistan mit dem Iran bildet. Nach Süden hin erstreckt sich die mesopotamische Ebene bis nach Bagdad und zum Persischen Golf. In den letzten Sonnenstrahlen dieses Tages erscheint sie mir wie ein goldener Teppich.

Nachdem wir das Erdölfeld in Kirkuk fluchtartig verlassen haben, machen wir nun Rast in dem Park. Als mir das hoch gewachsene, schlaksige Mädchen in den verblichenen Jeans auf die Schulter tippt, zucke ich unwillkürlich zusammen. "Hallo", sagt sie. "Seid ihr Amerikaner?" Im Nahen Osten von heute ist das eine heikle Frage, aber Miwans ungezwungene, erstaunlich selbstbewusste Art beruhigt mich. Ihren fast perfekten kalifornischen Tonfall hat sie von einer Freundin, die eine Zeit lang in Deutschland lebte und das Amerikanische dort aufschnappte. Als ich Miwans Alter erfahre, wird mir klar, dass dieses Mädchen der personifizierte kurdische Traum ist. Sie hat nicht einen einzigen Tag unter der Herrschaft Bagdads erlebt. Ihre Heimatstadt Suleimanija, die Hauptstadt des östlichen irakischen Kurdistan, steht seit 1992, dem Jahr ihrer Geburt, ohne Unterbrechung unter kurdischer Kontrolle. Miwan verrät mir, dass sie Ingenieurin werden will, "weil die so coole Sachen wie Häuser, Straßen und Einkaufszentren bauen. Und wenn du Ingenieur bist, musst du nicht immer an unsere schreckliche Geschichte denken. Du blickst nach vorn."

Für einen irakischen Kurden ist es schwer, die grausame Vergangenheit seines Landes hinter sich zu lassen. Auf meiner Reise treffe ich nicht eine einzige Familie, die nicht irgendwann in den vergangenen 20 Jahren von ihrem Zuhause fliehen musste; nicht einen Bauern, der nicht miterleben musste, wie sein Dorf bombardiert oder mit Granaten beschossen wurde; nicht einen Menschen, der keine Geschichte über Angriffe mit Chemiewaffen, über Folter und Hinrichtung unter Saddam Hussein erzählen konnte. Während der berüchtigten Operation "Anfal", die zwischen Februar und September 1988 ihren Höhepunkt erreichte, zerstörten irakische Soldaten viele tausend kurdische Dörfer und töteten rund 100 000 Menschen. Miwans Vater Madschid Nadir nimmt an unserem Gespräch teil.

Stolz lächelnd betrachtet er seine Tochter, während sie meine Fragen und seine Antworten dolmetscht. Er ist ein schlanker, redegewandter Mann von Ende 40 mit einem korrekt gestutzten dunklen Schnurrbart und durchdringenden haselnussbraunen Augen. Auch er hat eine eigene schlimme Geschichte zu erzählen. 1979 wurde er von der Polizei Saddam Husseins verhaftet, gefoltert und für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. "Die Amerikaner haben uns von Saddam Hussein befreit, aber sie haben aus Eigeninteresse gehandelt", erklärt er. "Wir haben aus der Geschichte gelernt und wissen, dass sie uns im Stich lassen werden, wenn dies in ihrem Interesse ist. So hat es die Welt schon immer mit uns gemacht."

Wie sehen Sie die Chancen, dass trotz der vielen ethnischen und kulturellen Differenzen im Irak bald der Frieden Einzug hält? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 2 / 2006)
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