Die ertrotzte Demokratie

Artikel vom 01.03.2006  —  Autor: Andrew Meier  —  Bilder: Anthony Suau

Wenn Viktor Juschtschenko morgens aufsteht, wieder einen dieser Tage vor sich, die zur schwierigsten Zeit seines Lebens gehören, schaut er gequält in den Spiegel. "Der Präsident erkennt sich nicht", erzählt ein Vertrauter aus seinem engsten Kreis. "Es ist ihm unmöglich, sein Spiegelbild mit dem Mann in seinem Inneren zusammenzubringen." Für Millionen seiner Landsleute hingegen ist Juschtschenkos Gesicht - aufgedunsen, pockennarbig und verfärbt - ein stimmiges Sinnbild für ihr Land, das vom langen, geduldig ertragenen Leiden der Vergangenheit gezeichnet ist, doch wider alle Erwartungen überlebt hat. Jahrelang wartete Juschtschenko auf seine Chance. Während der finsteren Zeit des früheren Präsidenten Leonid Kutschma hatte sich die Ukraine, das von 46 Millionen Menschen bewohnte und flächenmäßig zweitgrößte Land des europäischen Kontinents, zu einem Tummelplatz für regionale Clans und Oligarchen mit Raubrittermanieren entwickelt.

Reformpolitiker inszenierten müde Angriffe auf die Mächtigen, doch der instabile postsowjetische Staat befand sich fest in den Händen eines kriminellen Regimes. Für die Ukrainer mit ihrer Sehnsucht, aus dem Schatten Russlands herauszutreten und sich dem übrigen Europa und dem Westen anzuschließen, verkörperte Juschtschenko in dieser Situation die letzte große Hoffnung. Und dann, auffällig pünktlich zur angespannten Zeit vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2004, wird Kandidat Juschtschenko ernsthaft krank. Hals über Kopf wird er heimlich zur notärztlichen Behandlung außer Landes gebracht. Österreichische Ärzte finden die Ursache für die Erkrankung, die fast tödlich verlaufen wäre: Dioxinvergiftung. Juschtschenko überlebt - allerdings mit einem entstellten Gesicht. Die Wut auf das alte Regime wird noch größer.

Wer auch immer für die Tat verantwortlich war - Juschtschenkos Gegner werden unfreiwillig zu Geburtshelfern seiner Revolution. Nach Juschtschenkos Wahl ging ein Ruf durch die Ukraine: "Ja stojau na Maidani!" Das heißt: "Ich stand auf dem Maidan", dem Platz der Unabhängigkeit im Herzen Kiews. Es bedeutet auch: Ich war dort, ich bin aufgestanden für die Freiheit, ich habe ein Recht zu erwarten, dass sich etwas ändert. Während jener angespannten Winterwochen, als das alte Regime versuchte, die Wahlen zu manipulieren, und das Land einer ungewissen Zukunft entgegensah, strömten Jung und Alt in die Hauptstadt, besetzten den Maidan und errichteten eine Zeltstadt für mehrere tausend Menschen auf dem Kreschtschatik, der Hauptgeschäftsstraße Kiews und zugleich wichtigsten Straße der Ukraine.

Wochenlang war die Welt Zeuge dieser revolutionären Starre und fragte sich, ob zwischen der westlichen Ukraine - Juschtschenkos Hochburg - und der Osthälfte des Landes, wo die meisten der acht Millionen Ukrainer russischer Herkunft leben, nicht ein Bürgerkrieg ausbrechen würde. Es kam nicht dazu. Die Demonstranten wichen nicht von der Stelle. Ihre einzigen Waffen: Transparente, T-Shirts, Schals und Ballons, alle in derselben Farbe - Orange. Die Orange Revolution war geboren. Am Ende stellten sich die Gerichte auf Juschtschenkos Seite. Für die Ukraine hatte eine neue Zeit begonnen. Schon bald nach seiner Amtseinführung ging der neue Präsident auf Weltreise und eroberte mit Charme die westlichen Hauptstädte. Überall wurde er als Held gefeiert - ein slawischer Nelson Mandela aus dem alten Ostblock. Plötzlich schien die Mitgliedschaft in den westlichen Eliteorganisationen - Nato und Europäische Union - realistisch. In der Heimat keimte die Hoffnung auf nationale Erneuerung. Viele Ukrainer waren erstmals stolz, Ukrainer zu sein.

Doch im Herbst 2005 brach Juschtschenkos Regierung in sich zusammen. In Kiew kursierten Korruptionsvorwürfe. Nach nur neun Monaten im Amt entließ der Präsident seine beliebte Ministerpräsidentin Julia Timoschenko und ihr Kabinett. Ein groteskes Theater gegenseitiger Beschuldigungen folgte. Wieder einmal schüttelten die Ukrainer den Kopf über derart altbekannte Probleme. Viele hatten Angst: War die noch unvollendete Revolution in Gefahr?

Juschtschenko hat das Leiden seines Landes am eigenen Leib erfahren. Gleichzeitig hoffen viele auf ihn und seine Reformen. Wird der Wind der Orange Revolution genügen, um einen umfassenden Kurswechsel vorzunehmen, weg von nationaler Zerrissenheit, Korruption und maroden Wirtschaftsformen? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 3 / 2006)
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