Vor einem Jahr erreichte der Lake Powell seinen niedrigsten Wasserstand, seit Jimi Hendrix in Woodstock auftrat und Neil Armstrong auf dem Mond spazieren ging. Durch eine anhaltende Dürre hatte der See gerade mal ein Drittel der üblichen Wassermenge, und 40 Meter hohe, senkrechte Wände lagen wieder frei. Die Trockenheit machte aus der riesigen Talsperre an der Grenze der amerikanischen Bundesstaaten Utah und Arizona wieder ein Labyrinth aus rotem Fels: den Glen Canyon. Und sie brachte Tom McCourt seine Kindheit zurück.
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Wir sitzen auf einem freigelegten Felsvorsprung in der Nähe des Sees, und McCourt erinnert sich daran, wie es hier vor 40 Jahren aussah: eine breite Flussebene, modelliert vom schokoladenfarbenen Wasser, festungsartige Klippen und zu beiden Seiten des Stroms je eine kleine Siedlung. McCourts Großeltern wohnten auf der uns zugewandten östlichen Seite in dem Ort White Canyon, bevor er in den Fluten des Stausees unterging. Als Kind war McCourt regelmäßig hier zu Besuch. Das Land war rau, aber fruchtbar. "Mein Großvater erzählte mir, dass es so heiß wurde, dass die Raben im Flug Muster auf den Himmel malten, weil ihre Federn qualmten", sagt er mit den funkelnden Augen eines Geschichtenerzählers. "Weil der Boden so fett war, konnten wir keine Wassermelonen pflanzen. Die Ranken wuchsen so schnell, dass sie die Melonen quer durch den Garten schleiften und beschädigten, bevor sie überhaupt reif waren." An diesem Tag im Vorfrühling kommen hier Besucher aus zwei Familien und drei Generationen zusammen, die ihre Wurzeln in White Canyon haben. Sie wollen sehen, wie ihre alte Heimat wieder aus den Fluten auftaucht. Noch ist der Wasserstand zu hoch, sind die Landebahn und das Grundstück der Großeltern von McCourt verborgen. Aber er ist schon weit genug abgesunken, um Erinnerungen wachzurufen.
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Im Jahr 1963 schlossen sich die Schleusen des Glen-Canyon-Damms. Das ansteigende Wasser verwandelte die flussabwärts gelegenen Abschnitte des verzweigten, tausendfarbigen Glen Canyon in ein monumentales blaugrünes Reservoir. So entstand der zweitgrößte Stausee der Vereinigten Staaten; nur der Lake Mead ist größer. Der Wasserreichtum des Lake Powell veränderte das Leben im Südwesten der USA. In der Wüstenstadt Las Vegas entstanden neue Baseballplätze, weil man den Rasen bewässern kann, in Los Angeles wuchern die Vororte, und Phoenix, Arizona, ist voller Golfplätze. Der Glen Canyon hingegen wurde überflutet.
Dieser, für den großen Fotografen Eliot Porter, "Ort, den niemand kennt", schien für immer vergessen. An seiner Stelle entstand die beliebte Glen Canyon National Recreation Area, ein Paradies für Millionen Hausbootbesitzer, Wasserskifahrer und Angler. Ein Wunder in der Wüste. Dann, zu Beginn dieses Jahrhunderts, kam die Dürre, eine der im Südwesten der USA periodisch auftretenden Trockenzeiten. Fünf Jahre lang brachten die Wolken nur wenig Feuchtigkeit - aber der Durst des Westens ließ nicht nach. Im Lake Mead und im Lake Powell, den beiden riesigen Auffangbecken, sank der Pegel kontinuierlich. Wasserbaumaßnahmen, künstliche Wolkenbildung und andere Eingriffe können nichts daran ändern, dass zu wenig Regen fällt, um die riesige Menge Wasser auszugleichen, die man zur Bewässerung von Luzernenfeldern, zum Füllen von Swimmingpools und zum Bewässern der Rasenflächen in den Vorstädten abpumpt.
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Was den einen Kopfschmerzen bereitet, erweist sich für den Glen Canyon als Gewinn. Menschen, die als Kinder noch das Glück hatten, die Schlucht zu erleben, strömen herbei. Für viele ist es, als hätten sie die Möglichkeit, ihre erste Liebe zu besuchen, von der sie vor 40 Jahren überraschend verlassen wurden.
Sollte der Lake Powell aufgegeben und der Glen Canyon der Natur zurückgegeben werden? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.
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