Die große Wildnis

Artikel vom 01.06.2006  —  Autor: Joel. K. Bourne, Jr.  —  Bilder: Joel Sartore

Die Menschen in Alaska nennen diese Wildnis einfach the slope, die Senke. Das klingt nicht gerade aufregend, aber im Machtpoker um diese grandiose Landschaft geht es um großes Geld und gewaltige Erwartungen. Denn die weitgehend noch unberührte Arktische Küstenebene zwischen dem Gebirgszug der Brooks Range und der Beaufort- und Tschuktschensee ist reich - reich an wilden Tieren und vor allem reich an fossilen Brennstoffen. Die riesigen Ölfelder rings um die Prudhoe Bay liefern 17 Prozent des amerikanischen Ölbedarfs, außerdem 90 Prozent der Einnahmen des US-Bundesstaats Alaska. Mehr als 58 000 Quadratkilometer im Zentrum der Küstenebene, wo die lukrativen Ölfelder liegen, sind in Staatsbesitz. Einige erwähnenswerte Gebiete gehören den eingeborenen Inupiat. Das meiste ist öffentliches Land.

Der größte Teil der Küstenebene gehört zum landschaftlich besonders schönen Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) im Osten und zum National Petroleum Reserve-Alaska (NPRA) im arktischen Westen. Es ist das mit 93 000 Quadratkilometern größte zusammenhängende Stück Land im Besitz der amerikanischen Bundesregierung. Sein Name klingt nach einem riesigen Öllager für Notzeiten, aber das täuscht. Dies ist die größte Wildnis der Vereinigten Staaten. Eine halbe Million Karibus, Hunderte Grizzlybären und viele Wölfe leben hier, außerdem im Sommer unzählige Greif-, Wasser- und Küstenvögel. Seit Jahrzehnten vertreten Biologen die Ansicht, dass Teile des Petroleum Reserve wichtiger für die Wildtiere sind als das viel bekanntere National Wildlife Refuge.

Weil aber vermutet wird, dass unter dem NPRA große Rohöl-, Erdgas- und Kohlevorräte lagern, wurde Wissenschaftlern, die beim Staat Alaska oder der US-Regierung arbeiten, ein Maulkorb verpasst. Während 2005 im Kongress in Washington noch erregte Debatten über die Ölbohrungen in dem Schutzgebiet geführt wurden, vergab die Regierung Bush bereits Konzessionen für große Teile des NPRA und der Küstengewässer an den Meistbietenden. In der Folge könnten Millionen Hektar Wildnis in Öl- und Gasfelder verwandelt werden, und in der Beaufortsee könnte schon bald eine Bohrinsel neben der anderen schwimmen, wie wir es zum Beispiel aus dem Golf von Mexiko kennen. Einige der so verpachteten Gebiete sind allerdings wichtige Lebensräume für Gänse, Karibus und Grönlandwale, deren Bestände seit Jahrtausenden das Überleben der Inupiat-Volksgruppe sichern. Rund 5000 Inupiat leben heute in sieben entlegenen Dörfern und der Ortschaft Barrow. Sie besitzen in der Küstenebene große Flächen gemeinsamen Landes. Die Ureinwohner könnten die nächsten Ölbarone des 21. Jahrhunderts werden, dabei aber alles verlieren, was sie zu Inupiat macht. Viele sind darüber gar nicht erfreut. In keinem Dorf ist das Für und Wider der Ölförderung deutlicher zu spüren als in Nuiqsut, einer Ansammlung von etwa 100 Häusern oberhalb des Flusses Colville an der östlichen Grenze des National Petroleum Reserve-Alaska.

Im Jahr 1973 errichteten zwei Dutzend Familien aus Barrow hier zunächst ein Zeltlager, nachdem sie ihre traditionellen Jagd- und Fischgründe wieder in Besitz genommen hatten. Zuvor hatte die amerikanische Regierung ein Gesetz verabschiedet, das die Landrechte der Ureinwohner regelt. Wie in vielen der kleinen Ansiedlungen im Norden von Alaska leben die meisten Menschen jetzt in bunten Häusern gleichen Typs, die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt werden. Sie haben Wasseranschluss und Kanalisation, ein Dieselgenerator liefert Energie für Licht und Fernseher. Es gibt auch eine moderne Schule, ein Krankenhaus und eine Feuerwehr. Die meisten Bewohner sind bei der Regionalverwaltung beschäftigt.

Finanziert wird all dies durch Steuern, die auf die Infrastruktur für die Ölförderung erhoben werden. 20 Jahre lang lag die Gegend, in der Öl gefördert wurde, weit genug weg, als dass sich die Menschen in Nuiqsut darüber Gedanken gemacht hätten. Das ändert sich nun, seit vor sechs Jahren die Förderung im jüngsten Ölfeld, Alpine genannt, begann.

Rechtfertigt unser unstillbarer Durst nach Öl den bedingungslosen Ausverkauf einzigartiger Wildtierrefugien? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 6 / 2006)
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