Die Heimat der roten Felsen

Artikel vom 01.01.2006  —  Autor: Virginia Morell  —  Bilder: Michael Nichols

In der Nacht hat es heftig geschneit. Aber der Schnee ist pappig und bleibt nicht liegen. Die Nässe hat den weichen Boden des Weges an der Südkante des Grand Canyon taubengrau gefärbt, und der würzige Duft von Ponderosa-Pinien liegt in der Luft. Noch einmal biegt der New Hance Trail scharf nach rechts, dann geht es steil bergab - 1350 Höhenmeter zum Grund der Schlucht, wo sich der Colorado River dahinschlängelt. Immer wieder stütze ich mich mit meinen Trekkingstöcken ab. Die Leute, die diesen Weg anlegten, Indianer wohl, müssen es eilig gehabt haben. Sie wollten die orangefarbenen Terrassen der oberen Gesteinsschichten möglichst schnell hinter sich lassen, um den Fluss zu erreichen - ihr Zuhause.

Mehr als vier Millionen Besucher bewundern jedes Jahr die atemraubenden Gesteinsformationen des Grand Canyon, der seit 1919 als Nationalpark unter Schutz steht. Schwer vorstellbar, dass dies einmal die Heimat vieler Menschen war. Gut 10 000 Jahre lang lebten sie tief unten in der Schlucht, gaben den Felsen Namen, verewigten die Zinnen und Klippen in ihren Legenden und hauchten ihnen eine Seele ein. Dann, vor gerade einmal 100 Jahren, kamen die Weißen und entschieden, dass nie mehr menschliche Besiedlung den Grand Canyon beflecken dürfe - mit Ausnahme ihrer eigenen Bauwerke. Felsgestalten, die den Geist der Geschichte atmeten, wurden kurzerhand umbenannt. "Der New Hance Trail wurde, wie praktisch alle Wege im Grand Canyon, von unseren Vorfahren, den Hisatsinom, angelegt", erzählte mir der Hopi-Indianer Leigh Kuwanwisiwma, den ich vor meinem Abstieg getroffen hatte. "Die Archäologen nennen unsere Vorfahren Anasazi, aber dieser Begriff stammt aus der Sprache der Navajo und bedeutet 'alte Feinde'." Kuwanwisiwma lebt auf der Dritten Mesa, einem von drei Tafelbergen, auf denen die Hopi-Dörfer liegen. Dort, eine Autostunde östlich des Grand Canyon, bewirtschaftet er seine Maisfelder und leitet die Stammesbehörde zur Bewahrung der Hopi-Kultur.

Aber auch der Grand Canyon ist Heimat für ihn. "Die Schlucht trägt unsere Spuren. Dort stand die Wiege unseres Volks, dort lebten einige unserer Klane und bebauten das Land, bis sie zu den Mesas weiterwanderten. Unsere heilige Pilgerfahrt, auf der wir das Salz holen, führt tief in den Canyon, und nach unserem Tod ziehen unsere Seelen dorthin zurück. Wir haben unten gelernt, als Hopi zu leben, und die Lehren empfangen, die uns führen. Vor allem die Bescheidenheit." Kuwanwisiwmas Worte hallen noch nach, als ich den steilen, inzwischen staubigen Pfad hinabwandere. "Wir sind jetzt in der Wüste", sagt mein Führer Dave Hogan, der seit neun Jahren in der Schlucht arbeitet. "Bis unten am Fluss, 13 Kilometer entfernt, gibt es praktisch kein Wasser. Hier sind schon Menschen verdurstet."

Das Klima war nur wenig anders, als Gruppen von Hisatsinom - besser bekannt als Anasazi - vor 1300 Jahren in den Canyon zogen und begannen, Baumwolle, Bohnen und Kürbisse anzubauen. Landwirtschaft im Grand Canyon erscheint uns heute so unmöglich wie Ackerbau auf dem Mars. Aber die Hisatsinom waren erfolgreich. "Sie kannten diese Landschaft wie ihre Westentasche, jedes Tal, Wasserloch und Versteck, jeden Weg hinein und wieder heraus." Und sie hinterließen ihre Zeichen - Ruinen, Wege und Ritzzeichnungen. Hogan zeigt mir ein Strichmännchen, das drei Treppenstufen erklimmt. Ein eindeutiges Piktogramm: Hier geht es nach oben.

Sollte man den Tourismus im Grand Canyon einschränken, um die Natur zu schützen und den Indianern ihren ursprünglichen Lebensraum zurückzugeben? Senden Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.


(NG, Heft 1 / 2006)
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