Die Unterwelt der Maya

Artikel vom 01.02.2006  —  Autor: David Roberts  —  Bilder: Stephen L. Alvarez

Wir sind kaum 200 Meter tief im Wald, da warnt uns der Maya Diego Faustino Chávez vor einer bejuco, einer Kletterpflanze. "Wenn Sie über sie hinwegsteigen", sagt er zum Anthropologen Allen Christenson, "kann es sein, dass Sie verschwinden. Oder dass Sie glauben, Sie seien für ein paar Sekunden weg gewesen - und in Wirklichkeit waren es drei Tage." Man hat uns gewarnt: Wir sollen sofort umdrehen und in die Stadt zurückkehren, wenn eine Schlange unseren Weg kreuzt. Oder ein Jaguar. Oder wenn wir eine Eule sehen. Umso vorsichtiger arbeiten sich unsere einheimischen Begleiter den Hang hinauf, immer auf der Hut vor solchen Vorzeichen, die uns zeigen würden, wie gefährlich dieses Vorhaben ist. Wir sind fünf gringos - Amerikaner -, darunter Christenson, der Fotograf Stephen Alvarez und ich sowie eine Gruppe von 15 Tz'utujil-Maya aus der nahen Stadt Santiago Atitlán.

Geführt werden wir von Diego, einem Unternehmer aus aristokratischer Familie, und von einem ajq'iij namens Juan. Ein ajq'iij ist eine Art Schamane, aber mehr als das: Er ist ein so genannter Hüter des Tages (wörtlich: "Er von dem Tag"). Ein ajq'iij ist jemand, der eingeweiht ist in die uralten Mysterien des Maya-Kalenders, in dem jeder Tag eine Fülle von übernatürlichen Zeichen birgt. Unser Ziel ist die entlegene Höhle Paq'alibal: für die Tz'utujil der wohl heiligste Ort in ihrem Universum. Hier leben ihrer Vorstellung nach die nawaal, vergöttlichte Vorfahren, die die Welt mit Regen und Fruchtbarkeit segnen. Die Maya sind überzeugt, dass es riskant ist, sich der Höhle ohne Vorbereitung zu nähern.

Daher haben mehrere Schamanen in Santiago über Monate hinweg Zeremonien abgehalten, um zu gewährleisten, dass uns die nawaals willkommen heißen werden. Christenson arbeitet schon seit 1988 in Santiago - aber er hat 15 Jahre gebraucht, um das Vertrauen der Schamanen zu gewinnen. Die ajq'iij haben den 3. November als geeigneten Tag für unsere Wallfahrt bestimmt. Im Maya-Kalender heißt er K'at, was für Juan kein gutes Zeichen ist. Dieser Tag wird mit Begriffen wie "brennen", "empfindlich", "zart" und "im Netz" verbunden. Christenson hat mich vorgewarnt: "Wir könnten gefangen werden, zum Beispiel in einem Netz." Unser Führer legt ein solches Tempo vor, dass ich kaum mithalten kann.

Darstellung einer Legende aus dem heiligen Buch der Maya

Bild: John Jude Palencar Vergrößern

Wie ich später erfahre, trieb ihn sein Entsetzen voran: An einer Stelle hatte er bemerkt, wie auf beiden Seiten des Pfades die Bäume zu zittern begannen, obwohl sich kein Lüftchen regte. "Er hatte Angst, von euch Gringos hintergangen zu werden", erklärte mir einer der Maya. "Wären wir in böser Absicht hinaufgestiegen, hätte er ernsthafte Schwierigkeiten mit seinen Vorfahren bekommen. Und hätten wir gegen die Traditionen verstoßen, wäre sein Leben in Gefahr gewesen." Nach einer Stunde sind wir 500 Meter über dem Atitlánsee. Plötzlich hört der ajq'iij links neben uns einen Specht hämmern. Ein Specht auf der rechten Seite wäre kein Problem gewesen. Doch zur Linken, der dunklen, weiblichen Seite? Ein böses Omen!

Wird unsere Welt ärmer, wenn selbst den Weisesten unter den Urvölkern das Wissen um spirituelle Riten und Praktiken verloren geht? Wie bedeutsam erscheint Ihnen der Schutz ihres kulturellen Erbes? Senden Sie uns bitte Ihre Ansichten unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 2 / 2006)
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