Die Welt der Fossilienjäger

Artikel vom 01.06.2006  —  Autor: Lewis M. Simons  —  Bilder: Lynn Johnson

Der Russe Fjodor Schidlowski und der Amerikaner Mike Triebold sind sich nie begegnet. Aber es gibt etwas, das sie verbindet: die Leidenschaft für Knochen und Zähne ausgestorbener Tiere. Schidlowski und Triebold sind Fossilienjäger. Jeden Sommer stellt der Russe eine Safari zusammen: Menschen, Busse, Lkw, Amphibienfahrzeuge, Flugzeuge, Helikopter und Boote. Damit bricht er auf in die Tundra Nordostsibiriens. Im Licht der langen arktischen Tage verbringen er und sein Team Wochen damit, Knochen und Stoßzähne des Wollmammuts zu bergen oder zu kaufen. Die Ahnen der heutigen Elefanten zogen bis vor etwa 10 000 Jahren über die bitterkalten Steppen, wo sie von den damaligen Menschen gejagt wurden.

Die besten Fundstücke restauriert Schidlowski mit Karosseriekitt und Lack und fügt sie, soweit es geht, zu vollständigen Skeletten zusammen. Aus weniger gut erhaltenen Knochen und Stoßzähnen lässt er Schachfiguren und Nippes schnitzen. Die Stücke, die am wenigsten wert sind, werden zu Pulver zermahlen und in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt. Verkauft wird alles, hauptsächlich nach Hongkong und in die USA. Schidlowski hat die Fotografin Lynn Johnson und mich eingeladen, ihn bei einer seiner Expeditionen zu begleiten. Es wird mehr als die herkömmliche sibirische Mammutsuche, verspricht er: Er habe einen Tipp bekommen, wo das vollständig erhaltene Skelett eines Mammutbabys zu finden sei - "extrem selten" -, und er hätte uns gerne dabei, um diesen vielversprechenden Fund zu dokumentieren. Also treffen wir uns an einem milden Augustmorgen, Stunden vor Sonnenaufgang, in Moskau vor seinem schicken Mehrfamilienhaus aus rosafarbenem Backstein und machen uns bereit, ihn bei seiner neuesten Tour zu begleiten.

Zwei Monate zuvor war auf der anderen Seite des Globus Mike Triebold zu einer ähnlichen Fahrt aufgebrochen. Er hatte im Schatten seines selber entworfenen Blockhauses in Pikes Peak in Colorado seine Frau J. J. zum Abschied geküsst, war in eines der Allradfahrzeuge seines Konvois gesprungen und mit seinen Männern losgebraust. Ihr Ziel war das verschlafene Viehzüchterstädtchen Roundup in Montana. Auch Triebold hoffte auf einen seltenen Fund: einen jungen Tyrannosaurus rex. Walter Stein, Triebolds Grabungsleiter, hatte kurz vorher eine einzelne Rippe gefunden, die auf dem von Triebold für die Fossiliensuche gepachteten Privatgrund aus betonhartem Sandstein ragte. Die Aussicht, diesen Knochen mit dem fossilen Rest eines jungen T. rex verbinden zu können, ließ Triebold heftig an seinen Zigaretten ziehen. Sowohl für Schidlowski als auch für Triebold ist die Fossilienjagd eine der größten Freuden in ihrem Leben. Und neben dem Reiz des Entdeckens verschaffen die alten Knochen den beiden auch ein komfortables Auskommen: der Marktpreis für einen gut erhaltenen T. rex geht in die Millionen, und ein vollständig erhaltenes Mammut bringt umgerechnet gut 200 000 Euro. Monatelang bin ich solchen kommerziellen Fossilienhändlern gefolgt und habe über ihre Geschäfte recherchiert, nicht nur in Sibirien und Colorado, auch in Marokko und Nordostchina. Ich habe beobachtet, dass manche Händler in der Tat sorgfältige Sammler und ehrbare Geschäftsleute sind.

Aber die anderen gibt es eben auch: rüde Geschäftemacher, die Knochen aus Nationalparks oder anderen geschützten Gebieten rauben und sie für schnellen Profit verschachern. Wieder andere - vor allem in den ärmsten Regionen von China und Marokko - sind Bauern, die versuchen, ihre Armut mit allem zu lindern, was sie dem Boden buchstäblich entreißen können. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, welchen Schaden skrupellose oder ungeschulte Händler anrichten können. In den USA sind Ausgrabung und Export von Fossilien, die von staatlichem Land stammen, ohne Genehmigung verboten; doch kein Gesetz verbietet die Einfuhr - selbst wenn die Fundstücke illegal aus ihrem Herkunftsland geschmuggelt wurden.

Ich habe aber auch Händler gesehen, die Fossilien mit äußerster Sorgfalt freilegten, sie mit Zahnarztwerkzeugen vom äonenalten Schmutz reinigten und ihre Entdeckungen genauestens protokollierten. Dennoch tendieren studierte Paläontologen in aller Welt dazu, sämtliche Händler über einen Kamm zu scheren und als geldgierige Grobiane und Feinde der Wissenschaft abzutun, was mir einigen gegenüber mittlerweile unfair zu sein scheint.

Kommerz contra Wissenschaft: Für Paläontologen kommt der Fossilien-Schwarzmarkt einem Alptraum gleich. Den Ärmsten sichern die Urviecher ihr Einkommen. Wie kann diesem Konflikt gerecht beigekommen werden? Lesen Sie hierzu auf der Website von NATIONAL GEOGRAPHIC USA auch das Online-Extra Right or Wrong und senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 6 / 2006)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus