Die Wunderwelt der Meere

Artikel vom 01.09.2006  —  Autor: Jean-Michel Cousteau  —  Bilder: Laurent Ballesta

Das größte Kunstwerk der Welt vereinigt in sich das Raffinement der Klassik, die Kraft des Pop, die Geometrie des Kubismus und das Formenchaos der Postmoderne. Es ist erfüllt von der Ruhe des Impressionismus, den Dissonanzen des Abstrakten, den phantastischen Visionen des Surrealismus und der überbordenden Pracht von Barock und Rokoko. Der Ozean! Seine Farbpalette, der Reichtum seiner Motive und seine atemraubenden Details sind einmalig und unvergleichlich. Die Menschen vieler Kulturen verehren ihn wegen seiner Spiritualität, seiner Kraft und Gewalt. Die Meere der Welt ergeben zusammen ein Meisterstück mit einer Fläche von 362 Millionen Quadratkilometern, das sind 71 Prozent unseres Planeten. Sie sind ein unendlich wertvoller Schatz - und sie sind zum größten Teil nicht bewacht, nicht geschützt und aufs Schwerste bedroht.

Großaugenbarsche

Bild: Laurent Ballesta Vergrößern

Ich habe, als Kind schon angeleitet von meinem Vater, Jacques-Yves Cousteau, mein ganzes Leben diesem prachtvollsten Kunstwerk der Welt gewidmet, dessen Vielfalt und Majestät größer sind als die aller von Menschenhand geschaffenen Kunstformen und Sammlungen zusammen. Warum, so frage ich mich immer wieder, bewahren wir diesen Schatz nicht ebenso sorgfältig für zukünftige Generationen wie die Werke eines Rembrandt oder Michelangelo? Um zu verstehen, in welch empfindlichem Gleichgewicht sich die Weltmeere befinden, sollten wir einmal versuchen, uns in die Gedankenwelt der Menschen des 15. Jahrhunderts zu versetzen. Damals fingen die Europäer an, den Planeten, auf dem wir leben, als "Erde" zu bezeichnen. Sie hatten noch keine Ahnung von modernen Satellitenaufnahmen, die uns zeigen, dass unser blauer Planet nicht "Erde", sondern "Ozean" heißen müsste. Vielleicht lag es an der gewaltigen, unfassbaren Größe der Meere, dass die Menschen jener Tage zwei Dinge für ganz selbstverständlich hielten: zum einen, dass das Meer ihnen ungeheure Schätze liefert, und zum andern, dass alles, was sie dem Ozean je antun könnten, so wenig ins Gewicht fallen würde wie ein Tropfen Wasser, der vom Himmel in ihn hineinregnet.

Umberfische

Bild: Laurent Ballesta Vergrößern

Noch einige Jahrhunderte lang schien der Ozean mit seinen Reichtümern unerschöpflich und gegenüber menschlichen Einflüssen unempfindlich zu sein. Ein Meer am Rande des Verderbens konnte man sich schlicht und einfach nicht vorstellen. Aber wir Menschen von heute sollten es besser wissen. Jetzt, im 21. Jahrhundert, haben wir es mit einem Ozean zu tun, in dem nur noch ein Zehntel der einstigen Bestände großer Hochseefische lebt. Der Hauptgrund dafür ist die unersättliche Überfischung durch uns Menschen. Mehr als zehn Prozent der Korallenriffe - wegen ihrer Artenvielfalt auch die Tropenwälder der Meere genannt - sind schon unheilbar geschädigt; in 20 Jahren könnten bis zu 40 Prozent von ihnen verschwunden sein. Gut 300 000 Meeressäuger, unter ihnen zahllose Wale und Delfine, sterben jedes Jahr als unerwünschter und ungenutzter "Beifang" in teilweise viele Kilometer langen Treibnetzen.

Krabbe

Bild: Laurent Ballesta Vergrößern

Vor allem in Asien töten Menschen jährlich ein bis zwei Millionen Haie, die ihnen als Delikatesse gelten. Oft schneiden sie ihnen nur die begehrten Flossen ab und werfen die verstümmelten Tiere lebend wieder zurück ins Wasser, wo sie qualvoll zu Grunde gehen. Große Fischereiflotten betreiben mit Schleppnetzen Kahlschlag am Meeresboden und zerstören rücksichtslos auf Hunderten von Kilometern unterseeische Hügel ebenso wie jahrtausendealte Korallen. Kriegsschiffe vieler Staaten bombardieren bei militärischen Übungen und bei echten Einsätzen auf der Suche nach möglichen Feinden den Ozean mit Schallwellen auf jenen Frequenzen, die auch Delfine und Wale nutzen, um sich zu orientieren und zu verständigen. Im Labyrinth der Sonargeräusche verlieren sie die Richtung, stranden und verenden hilflos. Oder die Schallwellen lösen bei ihnen Gehirnerschütterungen und innere Blutungen aus. Den Klimawandel nicht zu vergessen: Die globale Temperatur steigt inzwischen so schnell, dass das Abschmelzen des Polareises kaum noch zu verhindern ist.

Schon heute steigt der Meeresspiegel messbar an. Hier werden die Folgen für uns Menschen am ehesten deutlich, wenn Inseln und küstennahe Großstädte überschwemmt werden. Doch die veränderte Zusammensetzung und Temperatur des Meerwassers bedrohen auch empfindliche Arten von Wasserbewohnern auf der ganzen Erde.

Jean-Michel Cousteau schlägt für den Schutz der Ozeane eine weltweit abgestimmte Vorgehensweise vor. Denken Sie, dass diese Idee realistisch ist? Werden die Menschen an einem Strang ziehen? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 9 / 2006)
Extras

Bildband-Tipp: Planet Meer
Staunen Sie mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC-Buch Planet Meer über die Wunderwelt der schier unermesslichen Flora und Fauna unter Wasser, über die tropische Vielfalt der Ozeane oder die eisigen Tiefen der Polarmeere. mehr...

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