Großer Bär, was nun?

Artikel vom 01.02.2006  —  Autor: Gleb Raygorodetsky  —  Bilder: Steve Winter

Der Kopf des Bären pendelt gleichmäßig hin und her, während er über den Hang trottet. Vor kurzem ist er aus dem Winterschlaf erwacht, und jetzt hat er sich hier im Tal der Geysire auf der russischen Halbinsel Kamtschatka den Bauch mit frischem Grün voll geschlagen. Noch kann er die Augen kaum offen halten. Bald legt er den riesigen Kopf auf die Vorderpranken und nickt ein. Der Winter ist vorbei, alles scheint gut zu sein. Aber der Schein trügt. Der Ausbruch der neuen Jahreszeit ist voller Gefahren für die größten Bären Eurasiens. Als ich hier aufwuchs - während der Sowjetzeit -, war der Zugang zu der 1200 Kilometer langen Halbinsel aus militärischen Gründen eingeschränkt, für den Tierschutz gab es üppige Mittel vom Staat.

Damals trieben sich hier bis zu 20 000 Bären herum. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde die Erschließung von Öl-, Gas- und Goldreserven vorangetrieben, es kamen Trophäenjäger aus der ganzen Welt, die Wilderei nahm schlimme Ausmaße an. Der Bärenbestand halbierte sich beinah auf nunmehr rund 12 500 Tiere. Heute wird der russische Naturschutz von internationalen Organisationen unterstützt, auch von der Wildlife Conservation Society, bei der ich als Biologe arbeite.

Aber in der russischen Wildnis fern von Moskau ist die Zukunft der Bären abhängig von Menschen, die sich aus vielen Gründen für die Tiere interessieren: Für den Jagdführer sind sie als wichtiger Teil des Ökosystems; der Wilderer hält sie für Konkurrenten auf der Jagd auf Lachse und deren Kaviar; für die Rentierhirten sind sie kluge, mächtige Nachbarn. Die kalte Jahreszeit mit Schneestürmen, Schneeverwehungen und rasiermesserscharfen Firnkrusten ist die Zeit, in der die Rentierhirten ihre Stiefel mit neuen Sohlen aus Bärenfell versehen - und Geschichten über Bären erzählen. Ein Märchen berichtet von Torgani, einem mächtigen Jäger, der vor langer Zeit lebte. Eines Tages tötete Torgani seinen Zwillingsbruder Nakat, einen Bären. Als das Tier im Sterben lag, bat es: "Erfülle meinen Wunsch, Torgani, und bette mich respektvoll zur Ruhe.

Dann veranstalte ein urkachak, ein Fest für alle Menschen, damit sie teilhaben an meinem Fleisch. Dann wird es um dein Volk herum stets viele Bären geben." Wird Nakats Versprechen halten? Das hängt davon ab, wie sich das Verhältnis zwischen den Bären und den Menschen von Kamtschatka entwickelt - und das sind nicht nur Torganis Nachfahren, die Hirten und einheimischen Jäger, sondern eben auch die Wissenschaftler, die Trophäenjäger und die Wilderer, die über das Schicksal der braunen Riesen entscheiden.

Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die zahlreichen Gefahren für die gigantischen Bären von Kamtschatka zu vermindern? Wie kann sein Überleben auch in Zukunft gesichert werden? Senden Sie uns bitte Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Anschrift an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 2 / 2006)
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