Herz aus Kristall

Artikel vom 01.11.2006  —  Autor: Juan Manuel García Ruiz  —  Bilder: Javier Trueba
Kristalle unter der Wüste von Chihuahua, Mexico

Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Fast 300 Meter tief in der Erde, in einer Höhle unter der Wüste von Mexiko. Es ist an die 50 Grad heiß, und ich bin umgeben von meterlangen, scharfkantigen Kristallen. Unfassbar, diese Ausmaße! Als Wissenschaftler sitze ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit im Labor und versuche, millimeterkleine Kristalle aus allen möglichen Stoffen, die für Medizin und Pharmakologie wichtig sind, wachsen zu lassen. Hier zeigt mir die Natur, was möglich ist. "Danke schön", sage ich im Geiste zu meiner Kollegin Margarita Díaz, einer Geologin an der Universität Madrid. Ihr Anruf war es gewesen, der mich am Ende zu dieser Höhle in Chihuahua geführt hatte. Es ist schon ein paar Jahre her, als bei mir zu Hause in Spanien das Telefon klingelte. Margarita war dran: "In Segóbriga haben sie die Minen des Plinius gefunden", sagte sie. "Ich möchte, dass du kommst und sie dir ansiehst." Ich sagte sofort zu. Die Minen des Plinius! Wir beide wussten, worum es sich handelte.

Im 1. Jahrhundert unserer Zeit hatte der römische Schriftsteller Plinius der Ältere seine Naturgeschichte verfasst. 37 Bände über alles, was man damals wusste. In den Büchern 26 und 27 beschreibt er die Minen in Segóbriga, in der heutigen spanischen Provinz Cuenca. Dort förderte man Lapis specularis-Kristalle. Frei übersetzt: Steine, durch die man hindurchsehen kann. Das hört sich wundersam an, ist chemisch aber nichts anderes als eine Erscheinungsform von ... Gips. Selenit, durchscheinender Gips. Das Mineral wurde damals in mehrere Zentimeter starken Platten abgebaut, die in Rom als Fenster oder zur Abdeckung von Gewächshäusern genutzt wurden. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts setzte sich in der Hauptstadt des Imperiums die Flachglastechnologie durch, Segóbriga versank in der Bedeutungslosigkeit und die Kristallminen blieben jahrhundertelang vergessen. Bis spanische Geologen sie vor zehn Jahren wieder entdeckten.

Selenit besteht aus Kalziumsulfat mit zwei eingelagerten Wassermolekülen. In Segóbria sind heute noch Kristalle mit einer Länge von einem Meter zu sehen.

Wie dort diese Varietät des Gipses entstanden ist, konnte ich nicht sagen, denn ich kannte die geologische Geschichte der Umgebung nicht gut genug. Ich brauchte vergleichbare Vorkommen dieses Kristalls. Und dann erinnerte ich mich an eine Fotografie, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in einem Artikel veröffentlicht worden war. Auf dem Bild diente ein Bergmann oder Geologe als lebender Maßstab für meterlange Gipskristalle. Das war in der Cueva de las Espadas gewesen, in der "Höhle der Schwerter". Und sie ist Teil der Naica-Mine in Mexiko. Ich fragte an, ob ich die Höhle zu Forschungszwecken besuchen dürfe. Das Unternehmen Peñoles, das derzeit die Bergbaurechte innehat, erteilte mir die Erlaubnis und hatte auch noch eine Überraschung parat: Im Jahr 2000 hatten Arbeiter bei Erkundungsgrabungen eine imposante Kaverne gefunden, die Cueva de los Cristales, die "Höhle der Kristalle".

Sie stelle sogar die Cueva de las Espadas in den Schatten. Weil Geologen den Bergbau dort schon seit fast 100 Jahren wissenschaftlich begleiten, gibt es im Gegensatz zu Segóbriga viele Informationen, mit denen wir alle möglichen Hypothesen über die Entstehung dieser Riesenkristalle überprüfen können. So ein Glück hat ein Kristallograf nicht oft.

Der erste Eintritt in die Cueva de los Cristales ist ein unvergessliches Erlebnis. Und schon bald weiß ich, dass auch die nächsten Male atemraubend sein werden. Der Anblick ist einzigartig, im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gibt keinen anderen bekannten Ort auf diesem Planeten, an dem sich die ganze Schönheit der mineralischen Welt in solcher Pracht zeigt. Den Boden des Hohlraums bilden riesige farblose, flächenreiche Kristallitblöcke. Weitere Kristalle ragen aus den Wänden und aus der Decke heraus, entlang feiner Risse, in denen - wie in größeren Brüchen und Verwerfungen - das Wasser im Gestein zirkulieren konnte.

Am phantastischsten aber sind die riesigen Kristalle, die aus den durchscheinenden Blöcken direkt aus dem Höhlenboden herauswachsen wie Strahlen aus verfestigtem Licht. Sie sind fast einen Meter dick und kreuzen die ganze Breite der Höhle über eine Länge von mehr als zehn Metern!


(NG, Heft 11 / 2006)
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