Hexenjagd

Artikel vom 01.12.2006  —  Autor: Fenja Mens

Früh am Morgen eines trüben Februartages im Jahr 1623 beobachtet der Mecklenburger Bauernsohn Chim Stolte auf der Feldscheide zum nachbarlichen Hof eine dunkle Gestalt, die einen Topf entleert. Zauberinnen, das weiß jedes Kind, rühren schadhaftes Gebräu zusammen und schütten es über Wiesen und Türschwellen, auf dass Mensch und Tier erkranken. Stolte schreit auf, rennt los, doch da ist das Weib bereits im Nebel verschwunden. Einige Dorfbewohner folgen den Fußspuren, die im Matsch gut zu erkennen sind. Keiner zweifelt, dass sie zum Haus der Anna Polchow führen, einer Altenteilerin, die hier nur deshalb noch ihr Unwesen treiben darf, weil die juristische Fakultät Rostock ihre Verurteilung bisher abgelehnt hat. Dabei weiß doch jeder in Glasewitz, dass die Polchowsche an nicht weniger als dem Tod zweier Menschen und der Erkrankung von zwei weiteren Personen schuld ist. Auch 42 Pferde, zwei Fohlen, einen Ochsen, sieben Schweine, eine Kuh und vier Kälber hat sie auf dem Gewissen. Dieses Mal jedoch wurde sie bei ihrem Schadenzauber ertappt. Die Hexe muss brennen!

Wald

Bild: Ute Mahler/Ostkreuz Vergrößern

Solche und ähnliche Szenen spielten sich vor 400 Jahren überall in Europa ab. Mehr als 50 000 Menschen, schätzen Historiker, wurden damals als Hexen, Hexenmeister oder Werwölfe hingerichtet, jeder Zweite auf dem Boden des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Der Bereitwilligkeit, mit der die Deutschen Nachbarn, Tanten und Schwäger, ja selbst Mütter und Kinder in den Tod schickten, die Brutalität, mit der die Angeklagten gefoltert wurden, die Leichtigkeit, mit der sich Angst und frommer Glaube in Hysterie und Wahn steigerten und die Massen erfassten, sind aus heutiger Sicht kaum zu begreifen. "Hexenverfolgung gab es an vielen Orten. Die Auslöser und Abläufe waren jedoch unterschiedlich", sagt Rita Voltmer, eine Historikerin und Hexenexpertin an der Universität Trier. Doch eine Gemeinsamkeit gab es: "Der Hexereiverdacht konnte zu einem erfolgreichen Mittel werden, um Konflikte aller Art zu lösen und unliebsame Leute zu diffamieren."

Gedenktafel im Stadtmuseum Siegburg

Bild: Thomas Ernsting/mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseum Siegburg Vergrößern

Voltmer gehört zu einer Riege von Forschern, die Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte bringen wollen. Zunächst von preußischen Wissenschaftlern, dann von Nationalsozialisten und später von Feministinnen ideologisch interpretiert und verbrämt, galt das Thema Hexenverfolgung unter Historikern lange als unseriös. Erst vor etwa 20 Jahren erwachte das wissenschaftliche Interesse daran. Inzwischen gibt es eine Fülle neuer Erkenntnisse über Täter, Opfer und Umstände dieses Verbrechens. Und vieles von dem, was wir bislang zu wissen glaubten, wurde als Klischee entlarvt. Neu sind zum Beispiel die Erkenntnisse zur Rolle der Kirche. Vom Dorfprediger bis zum Theologieprofessor beteiligten sich Kleriker aller Art an der Hexenjagd. Protestanten standen Katholiken in nichts nach. In beiden Konfessionen gab es aber auch Kirchenleute, die sich gegen die Verfolgungen stemmten. Die Inquisitionsbehörden, das zeigen Untersuchungen, unterdrückten nach 1520 in Italien, Spanien und Portugal sogar einige größere Prozessserien.

Zudem waren die Inquisitionsgerichte in Südeuropa oft weitaus nachsichtiger als ihre weltlichen Kollegien in Deutschland: Statt die Verurteilten auf den Scheiterhaufen zu schicken, versuchten die geistlichen Richter, die verirrten Seelen durch das Verhängen strenger Bußen zu retten.

Die Hexe, Gemälde von David Ryckaert III

Bild: PhotoBusiness/Artothek Vergrößern

An den Verfolgungen waren viele gesellschaftliche Gruppen beteiligt. Gelehrte aus Theologie und Jurisprudenz schufen das Bild der Hexen als Handlanger des Teufels. Die Bevölkerung drängte auf ihre Verfolgung, von Karrieregelüsten, Geldgier oder simpler Pflichterfüllung getriebene Juristen gingen pedantisch ans Werk, und Landesfürsten ließen es geschehen. Die typische "Hexe" war weder alt noch arm. Vielmehr konnte der Hexenverdacht jeden und jede treffen, unabhängig von Stand und Bildung, Alter und Geschlecht. Sogar Kinder gerieten in das Fadenkreuz der Verfolger. Und: Jede vierte Hexe war ein Mann. Zudem war die Hexenverfolgung keine Ausgeburt des finsteren Mittelalters. Sie fing an der Schwelle zur Neuzeit an und erreichte ihren Höhepunkt wenige Jahrzehnte vor dem Beginn der Aufklärung. Wer ihre Geschichte erzählen will, muss dennoch weit zurückblicken.

Erst Wohlstand und Sicherheit setzten dem Hexenwahn ein Ende. Denken Sie, dass es in schlechteren Zeiten erneut zu Denunziation und Verfolgungen in Europa kommen könnte? Schreiben Sie an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2006)
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